Gespeichert unter: Körperpolitik
Herrschaften,
es sollte mich möglicherweise nicht erstaunen, erstaunt mich aber doch: Heute lese ich im Online-Guardian einen Artikel mit dem Titel „Penelope Trunk: Why I Tweeted about my Miscarriage“. Meine erste Reaktion war sowas wie „Wie krank ist das denn?“ Nachdem ich allerdings den Artikel erstens gelesen habe und zweitens eine Idee von der Empörung (um es milde auszudrücken) bekommen habe, die Trunk entgegenschlägt, frage ich mich eher „Wie krank sind die denn?“ Ist der weibliche Körper immer noch der markierte Fall, die Irregularität, die es zu verbergen gilt?
Möglicherweise mischen sich in meiner ersten Reaktion mein Unverständnis einem Phänomen wie Twitter gegenüber und meine Reaktion auf die Tatsache, die hier getwittert wurde. Warum eigentlich überhaupt jemand twittert, ist mir nämlich nicht so ganz klar: Es will mir scheinen, dass es für die Qualität der Debatten, die so überhaupt geführt werden, besser wäre, wenn die Debattierenden mehr nachdächten, als wenn sie es weniger tun. Twitter hingegen bedeutet doch, dass ich das, was ich mitteilenswert finde, in der Sekunde verbreite und für immer sichtbar mache, in der es mir passiert. Lacan hat ja bekanntermaßen die Schizophrenie als Sprachstörung beschrieben, die den Erkrankten zu einem Leben in andauernder Gegenwart verdammt. Wenn ich nun twittere, dann nehme ich mir selbst doch im Grunde genommen genau die Gelegenheit, die mir das Vergehen der Dinge eigentlich bietet: Ich kann sie nicht in der Rückschau auf ihre Wichtigkeit und ihre Relevanz für meine persönliche Identität hin befragen. Ich kann nicht reflektieren und aussortieren, was ich nun wirklich aufregenswert und mitteilenswert finde und was, sobald ich mich abgeregt habe, mir eigentlich vollkommen egal ist. Twittere ich, stelle ich gewissermaßen künstlich einen im Lacanschen Sinne schizophrenen Zustand bei mir selbst her.
Das hat natürlich seinen ganz eigenen Reiz, wenn jemand sich diese Gelegenheit nimmt, aber ich würd’s persönlich nicht tun wollen. Ich denke schon gern nach dem Radweg nach Hause noch einmal darüber nach, wie sehr ich mich jetzt über das tatsächlich aufregen muss, was vor dem Radweg passiert ist. It takes all sorts und so, aber ich finde twittern irgendwie befremdlich. Nun, ich bin ja auch ein kommunikativer Dinosaurier: Ich telefoniere nicht gern in der Öffentlichkeit und nutze sämtliche synchronen Medien eigentlich nur zum Informationsaustausch. Gesprächig bin ich nur dann, wenn ich entweder jemandem direkt gegenüber sitze oder wenn man, wie bei Email, Zeit hat, um zu lesen und sich eine auch ästhetisch ansprechende Antwort zu überlegen. Lange Rede, kurzer Sinn: Als Reaktion auf ein einschneidendes Erlebnis einen Tweet zu verfassen, wäre so in etwa das letzte, was mir persönlich einfallen würde.
Davon aber will ich ja gerne meine sonstige Reaktion auf den erwähnten Aufsatz von Penelope Trunk (so kann eigentlich niemand heißen, oder?) unterscheiden. Wenn ich einfach einmal annehme, dass es bei jemandem zum Leben dazu gehört, auf signifikante Ereignisse in demselben mit Tweets zu reagieren, warum ist es dann noch unmöglich, eine Fehlgeburt in diesem Medium zu thematisieren?
Ich hege den Verdacht, dass es daran liegt, dass die Frau im erwähnten Fall nicht im Rahmen der Rollenerwartung reagiert hat. Mir ist vollkommen gleichgültig, welche Gründe sie hatte, um erleichtert zu sein (ihre Lebenssituation und die medizinische Lage von Mutter und bisher vorhandenen Kindern macht ihre Erleichterung wohl auch zu einer rational nachvollziehbaren), warum eigentlich „darf“ eine Frau, deren Schwangerschaft auf natürlichem Wege vorzeitig beendet wurde, über diese Tatsache nicht erleichtert sein? Warum „muss“ frau aufgrund einer Fehlgeburt am Boden zerstört sein? Welchen Grund kann es geben, sie mit Hassemails und – sofern man ihrem Blog glauben darf – Morddrohungen zu verfolgen?
Schon bei Swift, im Gulliver, ist der männliche Körper auch nicht besonders angenehm, der weibliche hingegen, insbesondere die weibliche Brust, ist aber das eigentliche Objekt von Ekel und Abscheu. Es kann einem jetzt gefallen oder es gefällt einem nicht, aber zum Tier homo sapiens dingenskirchen gehört der ganze Fortpflanzungskram dazu. Ich ganz persönlich hätte auch nichts dagegen, wenn wir Menschen wie die Seepferdchen wären, ist aber nun einmal nicht so, müssen wir uns mit abfinden. Wir müssen uns über den weiblichen Körper fortpflanzen, das kann funktionieren oder eben auch nicht, wie im besprochenen Fall. Warum, bitte, ist das ein Grund für Kritik an einer Frau, die das thematisiert? Natürlich, meine Schamgrenzen sind auch andere. Ich persönlich zeige ja schon meine Knie nicht im Wohngebiet. Nackte Beine gehören für meine Begriffe an den Strand, aber andere sehen das anders. Ich behalte auch meinen sonstigen Körper ganz gern für mich, macht auch nicht jede, warum soll es aber auch jede machen?
Männer reden auch ständig über ihre Körperfunktionen, in aller Öffentlichkeit, und zwar auch und gerade den nicht so schönen. Darüber kann sich eigentlich auch niemand mehr aufregen, ohne gleich für verklemmt und oberspießig gehalten zu werden. Ich will das gleiche Recht haben, ohne gleich moralphilosophische Probleme zu bekommen. Eigentlich sollte das auch kein Thema mehr sein. Wer das nicht sehen will, der kann ja woanders hinlesen. Geht doch bei politischen Inhalten meistens auch, das mit dem Woandershinlesen. Wenn es jedoch um den spektakulären weiblichen Körper geht, scheinen mir andere Gesetze zu gelten und wenn es um die Vorschriften für weibliches Gefühlsleben geht, dann wird es erst recht kompliziert. Wie kompliziert es werden kann, habe ich mal von einer Kollegin erfahren: Die fühlte sich nach einer Schwangerschaftsunterbrechung schlecht, weil sie sich nicht schlecht fühlte. Sie fragte sich allen Ernstes, ob sie ein Monster sei, weil sie hinterher nicht am Boden zerstört war. Sehr kompliziert das alles! In diesem Sinne: Mutterkreuze zu Pflugscharen!
Herrschaften,
was schreibt Margaret Heckel in Emma November/Dezember 2009 weiter über das Merkel?
Nachdem ich sie viele Jahre beobachtet habe – und oft aus großer Nähe – wage ich folgende Prognose: Wir werden in den kommenden Jahren mehr Frauen auf wichtigen Positionen sehen, einen starken Fokus auf der „Bildungsrepublik Deutschland“ haben und verstärkte Anstrengungen in der Integrationspolitik erleben.
Ja sicher. Schön wäre es, wenn es so wäre. Ich bin ja grundsätzlich Realpolitikerin und als solche bin ich mit fast allem einverstanden, was an sinnvollen Dingen passiert, unabhängig davon, welches Parteietikett draufklebt. Aber ich kann mir die Euphorie von Frau Heckel eigentlich nur mit der zu großen Nähe zur Macht erklären.
Schreibt sie hier über die gleiche Kanzlerin, zu deren engsten Vertrauten Ronald „McDonald“ Pofalla gehört? Schreibt sie über die Kanzlerin, unter deren letztendlicher Verantwortung diese seltsame „Islamkonferenz“ stattfindet, anstatt endlich mal einzugestehen, dass nicht nur der größte Teil der Menschen muslimischen Glaubens hier nicht nur kein irgendwie geartetes Problem sind, sondern dass von Menschen mit einem irgendwie türkischen familiären Hintergrund einige der interessantesten Beiträge zur zeitgenössischen Kultur in „diesem unserem Lande“ stammen?
Schreibt sie vor allem über die Kanzlerin, die seit geraumer Zeit immer an Rednerpulten steht und laut „Bildungsrepublik“ schreit, ohne dass in der Bildungspolitik tatsächlich irgendetwas passieren täte, das das gesamtgesellschaftliche Bidlungsniveau verbessern täte? Mir kommt es vielmehr so vor, als warte die Bildungspolitik und mit ihr der gesamte Bildungsapparat kollektiv darauf, dass sie wieder Schüler und Studenten bekommen, mit denen sie was anfangen können.
Anstatt Anstrengung und vor allem Geld da hinein zu investieren, dass diejenigen, die da sind, die bestmögliche Bildung bekommen, was für mich so viel wie möglich für so viele wie möglich bedeutet, schotten sich Eliten bildungsmäßig von den materiell weniger gut gestellten ab. Hier in Hamburg ist es gerade wieder zu beobachten: Es gibt den Versuch einer ganzen Volksinitiative gegen gemeinsamen Schulbesuch von allen bis zur sechsten Klasse, weil die Begüterten aus Harvestehude nicht wollen, dass ihre Kinder länger als nötig mit dem ungewaschenen Rest das Klassenzimmer teilen.
Ja sicher, das alles wird das Merkel ändern, ich bin mir ganz sicher. Die Heckel weiß auch, wie es geht: In epischer Breite beschreibt sie, wie beim Merkel der Rest des Rudels gefügig gemacht wird:
Merkel steht am Tag nach der Wahl im Saal und hält Seehofer die Hand hin. „Aber sie streckt sie kaum aus. Er muss zu ihr kommen (…),“ beschreibt die FAZ die Szene. Später macht die Kanzlerin noch einen öffentlichen Scherz auf seine Kosten. Das kommt bei Merkel nur äußerst selten vor und zeigt, wie stark sie sich in diesem Moment fühlt
Klar, das ist die Lösung für unsere vollkommen verfahrene Bildungspolitik, noch mehr Herrentierverhalten. In diesem Sinne: I … wanna be … Anarchy!
Gespeichert unter: Staatsbürgerkunde
Herrschaften,
ich kann es ja nicht lassen. Ich werfe heute morgen einen Blick in Emma und sehe, dass „Dinosaurier Alice Schwarzer“ (taz oder war es in der Zeit, man kann sich ja nicht die ganze Qualitätspresse merken, die einem so vor die Rübe kommt) schon wieder über mehrere Seiten „das Merkel“ (Titanic, passim) beweihräuchert.
Warum nochmal geschieht das? Warum nochmal ist unser aller Frauenbewegung mittlerweile so konservativ geworden, dass es ans Reaktionäre grenzt? Ich habe ja den Mann gefragt, ob ich eigentlich das Merkel gut finden muss, nur weil sie zufällig das gleiche biologische Geschlecht hat wie ich. Der sagt daraufhin in seiner zeitweiligen Weisheit, das sei ja Quatsch, wen er dann alles gut finden müsse, wenn das so wäre: Pol Pot zum Beispiel.
Solidarität ist super, ich bin dafür, mein Kaffeedealer hat mittlerweile einen Kaffee von einem nicaraguanischen Frauenkollektiv im Angebot, ich bin dafür. Aber wo nochmal liegt der Nutzen von Solidarität um jeden Preis? Ich kenne noch mehr erfolgreiche Wissenschaftlerinnen, die sind auch Professorinnen. So singulär ist das Phänomen Merkel auch wieder nicht, dass man schon aufgrund dieser Tatsache dafür sein müsste. Singulär ist das Merkel höchstens darin, wie gut sie die politischen Methoden der alten Herren in den rechtskonservativen Parteien hier in unserem Land drin anwenden kann. Ob das nun aber gerade diejenige Eigenschaft ist, die mir an einer Staatschefin besonders gut gefallen soll, das lasse ich nicht einmal dahingestellt.
Dazu kommt noch, dass mir das auch intern ein echter Widerspruch zur 70er Jahre Bekenntnisschreibe der Emma zu sein scheint: Was, bitte, liebe Redation ist denn eine „passionierend anregende und ehrliche Art“ des Erzählens? Klingt ziemlich nach dem Spruch des Tages vom Yogi-Tee-Beutel, nach „Der Geist muss sich dem Herzen beugen“ oder sonst so ein „Wir Frauen sind ja so gefühlvoll“-Unsinn.
Wie soll denn, wenn das dieser Tage hier Frauenbewegung und das Zentralorgan des Feminismus in Deutschland ist, das irgendeine Katze von irgendeiner Ofenbank herunterlocken? Kann ja gar nicht gehen. Ich hoffe auf bessere Zeiten. Auch für Emma, denn inhaltlich ist das, was die machen, sicher wichtig und interessant. In diesem Sinne undsoweiter.
Herrschaften,
der Chef hat Recht: Ich bin nostalgisch! Wie alle Zyniker! Was muss ich da letztens bei mir selbst lesen: „Goldene 80er Jahre“? (damengedeck 18. September 2009) Ja hab ich sie denn noch alle? Es ist so weit gekommen, dass ich die Achtziger glorifiziere? Die Achtziger, das Jahrzehnt von Dallas, Milly Vanilly und Privatfernsehen? Das Jahrzehnt der Stone Washed Jeans und das offizielle Ende des Punk? Im Gegensatz zur Postmoderne, die ja bekanntermaßen seit Dienstag vorbei ist, ist der Punk ja schon länger tot, da aber Totgesagte länger leben, lebt Punk auch länger als die Postmoderne, die sich ja irgendwann in sich selbst auflösen sollte. QED. Wie aber – um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen – konnte es nur so weit bergab gehen mit mir? Noch vor wenigen Jahren, vielleicht Monaten, habe ich von den 80er Jahren nur als „das ästhetisch bedenkliche Jahrzehnt“ gesprochen. Was für eine Kehrtwende.
Das zusätzlich Dumme, wenn man nostalgisch wird, ist ja, dass man inaktiv wird, dass man seine Gestaltungsmöglichkeiten aufgibt. Das heißt, aufgrund der Überzeugung, dass früher alles besser war und heute ohnehin alles schlecht ist, versäumt man es, sich genauer anzusehen, was denn heute überhaupt alles schlecht oder was nicht vielleicht auch sogar gut ist. Wie bei jedem Leben in der Vergangenheit leidet darunter das Hier und Jetzt: Auch wer seine Vergangenheit bedauert, der neigt ja dazu, sich über das zu grämen, was sie falsch gemacht hat und ignoriert den Zustand der Gegenwart.
Ich glaube, diese meine Nostalgiekrankheit hat ihren Ursprung in der medialen Hysterie um die bevorstehende Bundestagswahl. Ich sehe mir die Berichterstattung ja seit einiger Zeit mit nicht geringem Desinteresse an, denn für mich ist sie nicht mehr von Belang, da ich schon gewählt habe. Ich bin nicht zu bequem, um am Sonntag die dreihundert Meter bis zum Wahllokal zu gehen. Außerdem würde ich ungern auf die Gelegenheit verzichten, Wahlhelfer ins Schwitzen zu bringen („Herzchen, kannst du mal kommen? Was soll ich hier nochmal ankreuzen?“). Ich dachte schlicht, ich wäre am Sonntag nicht in der Stadt. Jedenfalls erzeugt dieses Faktum, dass ich meine Wahlentscheidung unwiderruflich getroffen habe und sie nicht mehr revidieren werde, bei mir eine gewisse Abgeklärtheit des Blickes auf die Berichterstattung über die letzten Züge des Wahlkampfes.
Was ich als Hysterie wahrnehme, ist das ständige Einbläuen, man möge bitte ja auch wählen gehen. Das Radio hatte heute zum Frühstückskaffee auch mit Leuten gesprochen, die die diesbezügliche Standardphrase parat hatten: „Man muss wählen gehen, denn wenn man nicht wählen geht, darf man hinterher auch nicht meckern.“ Ich verstehe ja diese ganze grundsätzliche Empörung nicht.
Aber möglicherweise bricht sich da wieder die urdeutsche Krankheit des Idealismus und kategorischen Imperativs (Kant, bekannt) Bahn. Ich sehe das ja eher realpolitisch gelassen. Für mich ist Wählen oder Nichtwählen eine sachliche Frage: Am Ende des Tages wird ganz real jemand darüber entscheiden, unter welchen Rahmenbedingungen mein weiteres Leben verlaufen wird und ich kann wenigstens versuchen, darauf Einfluss zu nehmen, wer das sein wird.
Deshalb verstehe ich auch Nichtwählen aus Protest nicht so ganz, klingt mir nach Kaninchen und Schlange: Wenn ich lange genug still halte, dann geht die Politik schon wieder weg, die ich nicht haben will. Es ist ja nun nicht so, dass alle, die nicht an Wahlen teilnehmen, stattdessen außerparlamentarisch ganz schrecklich gesellschaftlich relevant aktiv wären.
Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass, indem ständig thematisiert wird, dass man zur Wahl gehen soll, der Widerwillen gegen das Wählen erst produziert und provoziert wird. Mit Imperativen ist da halt kein Blumentopf zu gewinnen. Weswegen ich jetzt beschlossen habe, die Imperative Imperative sein lassen und mir anzusehen, was es eigentlich gerade gibt in der Genderküche, deren beste Phase ich neulich noch in den 80er Jahre verortet und damit die Gestaltbarkeit unbeabsichtigt für beendet erklärt habe. Mensch kann schließlich nicht immer hergehen und nur noch die Popkultur von vor dreißig bis vierzig Jahren konsumieren oder, wie der KlausTM neulich, allerdings in Bezug auf die independente Musikszene, sagte: „Es gibt noch gute Musik, man muss nur hingehen.“
Zu dieser meiner Grundstimmung passt, dass Paul Lester im gestrigen Online-Guardian Elly Jackson von LaRoux interviewt hat, die findet, dass es keinen Welle in der Medienpräsenz von androgynen Frauen gibt, trotz Agyness Deyn („La Roux: ‘Of course Lady Gaga’s not my thing’“, keine Pagination). Auch LaRoux suchen ihr Heil bekanntlich in der Flucht in die Vergangenheit, in den von Annie Lennox und Marc Almond geprägten Achtzigern. Das ist hübsch, vor allem weil Jackson selbst auch einen ziemlichen Tilda Swinton-Appeal hat, den ich sehr angenehm finde. Außerdem präsentiert sie sich gerade in diesem Interview ziemlich ausgerotzt, was ich sowieso gerade bei jungen Frauen extrem charmant finde.
Aber es gibt doch auch noch Emilíana Torrini, die, wie eine andere bekannte Isländerin auch, die ich nicht erwähnen darf, weil sonst diejenigen, die mich persönlich kennen, vor Langeweile vom Stuhl fallen und das will ja keiner sonst tut sich noch jemand weh, mir persönlich immer gut tut. Die spielt, wie ich finde extrem souverän und durchaus ironisch, mit sämtlichen Popklischees. Gute Sache, auch wenn Rough Trade ja schon lange nicht mehr independent ist. Tatsächlich noch unabhängig und auch musikalisch vergleichbar finde ich Holly Golightly, die auch noch ausgesprochen entzückend ist. Warum wird die eigentlich nicht genauso gehypt? Ganz offensichtlich gibt es nicht nur Frauen, die jenseits von öffentlicher Aufmerksamkeit was machen, das interessant ist. Es gibt auch einen Markt für sowas innerhalb des Mainstream. Das heißt, es hat sogar Wirkung auf eine größere Zahl von Menschen. Es wollen nicht alle die Leistengegend von R’n'B-Damen entgegengehalten (Elly Jackson aaO) bekommen. Es ist nicht alles böse. Paranoia ist berechtigt und kein Wunder (Der Plan), aber Nostalgie ab jetzt abgeschafft. In diesem Sinne: Auf zum letzten Gefecht!
Herrschaften,
bis vor einiger Zeit habe ich meine eigene Forderung nach einem neuen Feminismus selbst nicht sehr ernst genommen. Okay, ich nehme das meiste nicht sehr ernst, was ich sage, stimmt. Das mit dem Feminismus habe ich natürlich trotzdem bei jeder Gelegenheit gesagt, besonders dann, wenn ich mit Menschen gesprochen habe, die mich in abwertender Absicht als Feministin bezeichnet haben. Diese meine Sorglosigkeit kommt sicherlich daher, dass ich erst ein Kind und dann auch ein Teenager in der Zeit war, in der ich das war.
Goldene 80er Jahre. Das war ein fabelhaftes Jahrzehnt, um ein Kind zu sein und eine Idee von seiner eigenen Identität zu entwickeln. Wir durften alles! Im Fernsehen und im Kino wurde es uns ja vorgemacht: Es gab David Bowie und Boy George, Madonna und Cindy Lauper. Keiner sah gut aus, alle machten, was sie wollten und ich stand mittendrin, habe in der Industriebrache Baumhäuser gebaut, mich mit den Nachbarskindern geprügelt, wenn es sein musste, und mir beim Rollerskaten das Steißbein am Kantstein geprellt. Als ich dann anfing, mich für Mode zu interessieren, war alles übertrieben, bunt und groß. Ich hatte eine mintgrüne Teddyfelljacke mit hellblauen Punkten, dazu trug ich graue Lacklederschnürschuhe, graue Jeans mit rosa Seitenstreifen (aufgekrempelt), hellblaue Wimperntusche, passenden Nagellack und die größten Strassohrringe, die die bekannte Modeschmuckkette zu bieten hatte.
Die 80er waren toll. Es war wie Fasching, nur dass es das ganze Jahr war und niemand sagen konnte, man dürfe so nicht das Haus verlassen. Es war besonders toll für in der Identitätsfindung befangene Mädchen, denn es war ein fließender Übergang vom Verkleiden mit Omas alter Tüllgardine zum ernsthaften Mitglied der Mode konsumierenden Gesellschaft. Wir haben einfach das weitergemacht, was wir schon immer gemacht haben, nur dass wir so dann auch in die Schule gegangen sind.
Auch klar war, dass damals schon die Mitschüler über einen gelästert haben, wenn man so rumlief, wie man rumlief, aber das war in Ordnung. Das war Bestätigung. In Pretty in Pink, wird Molly Ringwald nicht dafür bestraft, dass sie ihren eigenen Stil hat. Sie bekommt am Ende trotzdem den Typen, den sie schon die ganze Zeit wollte, weil er einsieht, dass es Quatsch ist, sich Sorgen darüber zu machen, was seine Kumpels denken. Diese Dinge sind heute viel schwieriger.
Wenn du heute nicht wie alle aussiehst, gibt es kein Mainstreammedium, das dir sagt, dass das auch gut so ist und dass die, die über dich lästern, Schwachköpfe sind. Heute landest du damit bei Stilberatungsidioten vom Privatfernsehen, wenn du Pech hast, und wirst glücklich gemacht, indem du besser an die Norm angepasst wirst. Wenn du noch mehr Pech hast, gibt es bei diesem Privatfernsehen auch noch einen aufmerksamkeitsgierigen Schönheitschirurgen, der dich auf Sendersonderkonditionen operiert. Ich meine, nicht, dass ich was dagegen hätte. Ich finde es wirklich gut, dass sich so viele Menschen freiwillig als Versuchskaninchen für die plastische Chirurgie zur Verfügung stellen. Wenn so ein Chirurg dann das Opfer eines Unfalls operiert, dann weiß der schon, wie es geht.
Solche Formate gibt es übrigens nicht nur mit Frauen. Mit Frauen gibt es sie natürlich häufiger, weil man die dann nackt zeigen kann. Aber auf ProSieben gab ein ein Format, das hieß Das Model und der Freak, der Trailer lief immer während der Werbepause in Grey’s Anatomy und soweit ich das Konzept der Sendung verstanden habe, bestand sie darin, dass zwei „Models“ (landläufig gut aussehende Frauen, denen von einer Kamera unter den Rock geschaut wird) einen „Freak“ (bisschen schüchterner Mann, gern mit Metalistenmatte oder Rollenspielhobby) zu einem „Mann“ (der wo sich traut, in der Tanzbar einer Frau an den Hintern zu fassen) machen.
Gendermainstreaming wird also schon längst in verschärfter Form und mit verschärften Mitteln betrieben, indem nämlich die Diskurse fröhlich zusammen wirken, um Geschlechterbinarität festzuschreiben und die angeblich für ein Geschlecht typischen Verhaltensweisen mit „Erkenntnissen der Wissenschaft“ (der investigative Ulrich Meyer, passim) zu untermauern.
Irgendwie habe ich nur das Gefühl, dass mit dem Begriff mal irgendwann was anderes gemeint war. Wie dem auch sei: Der Begriff ist sowieso Quatsch. Wer will denn da wie und was mainstreamen? Ich halte es für verhältnismäßig doof, überhaupt irgendjemanden oder irgendwas mainstreamen zu wollen, wollen wir nicht eigentlich alle vor allem, dass das, was wir tun, möglichst gut zu dem passt, zu dem wir begabt sind, damit wir später nicht so viele Konflikte aushalten müssen mit uns selbst und unserer Umwelt?
In Bezug auf aktuell Kinder erziehende Menschen wäre ich ja schon froh, wenn sie ihre Töchter nicht alle ausschließlich in rosa kleiden würden. Ich wäre froh, wenn kleine Mädchen mit zum Ausflug zum Museum der Arbeit dürften, wenn da der Bagger vorgeführt wird. Ich wäre auch froh, wenn über Jungs nicht gelästert würde, die ihre Haare lang tragen. Und ich wäre froh, wenn es nicht über Kinder im Krabbelgruppenalter schon heißen würde „Deine Tochter hat gestern wieder meinen Sohn angegraben.“
Geht es denn eigentlich noch? Dürfen diese Kinder denn nicht erst einmal Kinder sein und selbst herausfinden, ob sie ihre Haare lang oder lieber kurz tragen, welche ihre Lieblingsfarbe ist und ob sie nicht vielleicht, wenn sie groß sind, Ingenieurin werden wollen? Das letztere könnte nämlich dazu führen, dass diese kleinen Mädchen später große Frauen werden, die mit ihrem Leben zufrieden sind, weil sie eine Arbeit machen, die gesellschaftlich gemeinhin als sinnvoll betrachtet wird.
Und vor allem können bitte alle aufhören, das Verhalten von schon sehr kleinen Kindern in Kategorien erwachsener Sexualität festzuschreiben? Im online Guardian von heute steht die Kurzfassung des neuen Buches von M G Durham („Lost youth: turning young girls into sex symbols“). Hier beschreibt sie, wie schon kleinste Kinder dem männlichen Blick und damit der Objektifizierung unterworfen werden. Er hat im Kommentarbereich die typischen Reaktionen von Männern, die sich empören, dass für Feministinnen ja alle Männer böse sind.
Mensch, macht mich das müde. Ich verstehe es auch nicht. Warum nehmen Männer das auf sich: Warum wollen sie männlich im herkömmlichen Sinne sein dürfen? Soweit ich weiß, führt das zum Beispiel dazu, dass sie schnell ausgebrannt sind, weil der gesamte Druck für den materiellen Erhalt ihrer Familie auf ihnen lastet. Wenn sie schlau wären, würden sie doch die Risiken verteilen: Tragen beide Ehepartner gleichviel zum Einkommen bei, dann kann man in wirtschaftlich unsicheren Zeiten eher mal eine Weile mit nur einem Einkommen über die Runden kommen. Sie wollen – ein weiteres Beispiel – nicht weich sein müssen. Das will ich auch nicht. Ich hab auch keinen Bock, dass einer rumheult, egal ob Mann oder Frau. Aber manchmal gibt es halt Situationen im Leben, in denen ist man nicht Superwoman. Dumm gelaufen. Nächste Situation, in der mensch wieder besser aussieht, kommt bestimmt.
Soweit ich es beurteilen kann, hat jede feste Geschlechterrollenverteilung einen ganz konkreten Nachteil: Sie beschneidet die Freiheit, individuelle Entscheidungen über persönliches Verhalten zu treffen. Das wiederum reduziert die Möglichkeit, dass wir die Potentiale aller Individuen, die unsere Gemeinschaft bilden, bestmöglich für den einzelnen und für alle nutzen und das scheint mir leider nicht von alleine besser zu werden. Das wird nur dann gehen, wenn wir uns alle zuallererst einmal unabhängig von unserem biologischen Geschlecht als menschliche Individuen denken lernen. Wenn wir allerdings von Anfang an schon Kinder in Kategorien der Geschlechterbinarität denken und nie anders, wird das kaum möglich werden.
Und was hat das jetzt eigentlich alles mit den 80er Jahren zu tun? Ganz einfach: Die 80er waren eine große Experimentierküche mit den unterschiedlichsten Genderzutaten für alle, aus dem sich jede nehmen konnte, was ihm gerade passte. So kam es zu fluiden Identitäten, die die einzige Grundlage (Judith Butler, Gender Trouble) sind, auf der sich das soziale Geschlecht als arbiträr, als willkürlich gesetzt, erweisen und damit zur Destabilisierung der Binarität männlich-weiblich führen kann. Wir waren also schon mal weiter. In diesem Sinne: Subtext oder Tod, mal wieder!
Gespeichert unter: Reise
Herrschaften,
nachdem der Mann und ich nun seit geraumer Zeit wieder im Lande sind und ich so einigermaßen für mich selbst klargezogen habe, wie es eigentlich alles gewesen ist, schreibe ich endlich auch mal so etwas wie einen Reisebericht. Der eine oder die andere weiß es ja, dass wir zweieinhalb Wochen im in Zukunft möglicherweise nördlichsten Zipfel der europäischen Union verbracht haben. So hundertprozentig einig scheinen sich die Isländer da noch nicht zu sein, vor dem Alþingi demonstrieren EU-Gegner, aber wir werden es je gewahr werden. Ich übernehme übrigens überhaupt gar keine Gewähr für meine isländische Orthographie, aber ich gebe mir Mühe.
Freitag, 14. August 2009: Mitten in der Nacht klingelt der Wecker. Weil ich aufgeregt bin, stehe ich militärisch prompt auf. Noch in Barmbek auf dem U-Bahnhof tanken wir den ersten Kaffee. Das soll auch für die nächsten zweieinhalb Wochen ein ständiges Ritual werden, denn Wein kann sich in Island niemand leisten, Schnaps trinken weder der Mann noch ich und das isländische Bier ist gewöhnungsbedürftig und auch nicht billig, deshalb fallen wir recht schnell in einen Trockene-Alkoholiker-Modus. Mit einem für meine Begriffe extrem kleinen Luftfahrzeug geht es zunächst nach Oslo. Zu diesem Zeitpunkt habe ich zum Glück schon zwei Kaffee intus, denn etwas Angst habe ich, die ich noch nie mit etwas kleinerem als 747 geflogen bin, denn doch. Die Erfahrung ist aber durchaus positiv, ist doch bei einem so kleinen Flugzeug der Anlauf vor dem Start extrem kurz und sobald wir in der Luft sind, ist es mir dann auch irgendwie gleich.
Außerdem ist das Wetter schön, wir können Dänemark sehen, das aussieht wie seine Landkarte und Norwegen, das von oben extrem attraktiv ist: lauter Fjorde mit Wald, an denen steht ab und an ein aus einer Astrid Lindgren-Verfilmung entlaufenes Holzhaus. Flughäfen, stelle ich fest, sind tatsächlich keine Orte im engeren Sinne, der von Oslo sieht genauso aus wie der von Hamburg. Ich habe jedoch zum zweiten Mal an diesem Tag unerwartetes Glück, denn ich verhöre mich bei den Ansagen des Bordpersonals und gehe zum Gepäckband, um meinen Rucksack einzusammeln. Damit verhindere ich, dass mein Rucksack in Oslo strandet: Als wir uns bei einer freundlichen Frau vom Gepäckservice erkundigen, warum der Rucksack vom Mann nicht auf dem Band war, lacht sie und sagt, er ginge direkt nach Reykjavik, so wie mein Gepäck eigentlich auch. Es sei Glück für mich, dass ich es unten gewesen sei. Auf dem Weg zum Gate müssen wir einen sehr bärbeißigen norwegischen Passkontrolleur vorbei, der erinnernt mich an Turbonegro, ich freue mich. Duty Free zur Einreise nach Skandinavien ist Schnapsladen für Fortgeschrittene, wir schenken uns das mal, schließlich muss man ja alles schleppen und wir haben noch keine Ahnung wie weit. Auf dem Flughafen herumlungern nervt. Ich halte mich an der taz fest, die ich mir als Reiselektüre gekauft habe, so gut es geht. Ich bin ja auf kaltem Entzug: Da ich nicht arbeiten will, während wir in Island sind, habe ich nichts zu lesen dabei. Ich habe vor, mich nicht abzulenken. Der Flug Oslo-Reykjavik dauert länger als vorgesehen: Wir haben starken Gegenwind.
In Keflavik ist dann alles ganz einfach: Der FlyBus hält direkt vor der Tür, kann mit Kreditkarte am Automaten in der Ausgangshalle bezahlt werden und fertig. Island empfängt uns unerwarteter Weise mit Sonnenschein, blauem Himmel und sommerlich anmutender Temperaturgestaltung. Was nicht funktioniert: Wir kommen heute nicht mehr weiter. Linienbusse fahren im Fernverkehr an den meisten Stellen nur einmal am Tag und gern früh am Morgen. Wir bleiben also über Nacht in Reykjavik. Hier ist alles gut zu Fuß zu erreichen, selbst der Campingplatz, der laut Reiseliteratur „außerhalb der Stadt“ liegen soll. Die Lebensmittel im 10-11 sind – im Gegensatz zum Wetter – so wie erwartet: teuer. Die Rationierung von Obst und Gemüse wird zum ständigen Reisethema. Die Pylsur, die man sich in den Hot Dog legen soll, schmecken überraschend gut, genau wie die Äpfel, die wir nach langem Abwägen gekauft haben, weil man ja was Frisches braucht. Einziges Problem: Im Kopf ist Kino mit lauter unzusammenhängendem Bildermüll.
Sonnabend, 15. August 2009: Um 7.30 Uhr fahren wir mit dem Hop On and Off Bus nach Downtown Reyjkavik zurück, meinem physisch angeschlagenen Zustand zuliebe in den þingvellir-Nationalpark, wo wir das Zelt gleich wieder aufschlagen wollen. Ich lasse den Mann im Busbahnhof allein in der Kantine einen fettigen Burger einwerfen, dann fahren wir mit dem 6er Bus an Halldor Laxness’ Farm und vor allem sehen wir uns þingvellir schon einmal von oben an. Die Aussicht ist vielversprechend, obwohl es noch morgendlich neblig und ein bisschen regnerisch ist. Später, auf den Fußweg zum eigentlichen Nationalheiligtum, vorbei am Öxaráfoss, sagt der Mann, wenn das mein bisher größter Wasserfall war, dann kriege ich beim Gullfoss Angst und laufe weg, aber sehr schön ist es, sieht alles aus wie bei uns im Auenland.
Das ist hier nämlich die Stelle in Island, an der die Kontinentalplatten auseinanderdriften. Es gibt nicht nur eine hohe Abbruchkante, sondern auch tiefe Schluchten, in denen so klares Wasser steht, dass man bis auf den Grund sehen kann. Angeblich ist das nichts für Anfänger, aber als wir heute dort waren, stieg gerade eine Tauchergruppe ein. Þingvallavatn, schöner See und þingvellir, die alte Versammlungsstelle des Allþingi, auch alles schön, richtige Idylle im Lavagestein. Den Rest des Tages laufen wir über Heidekraut und Moos die Wanderwege entlang, das Gelände ist ziemlich anspruchsvoll, mit Gepäck schafft man da sicherlich nicht so viel am Tag.
Der Abend ist ruhig, es hat den ganzen Tag immer schon ein wenig geregnet, sehr schöner Regenbogen war auch zu sehen, nun aber müssen wir die Buchstabensuppe im Zelt essen, haben wir wenigstens was zu lesen. Später klart es zum Glück noch einmal auf, wir laufen unsere im Moosleitsystem nass gewordenen Schuhe wieder trocken und nochmal ins Auenland, diesmal ohne andere Touristen. Zum Glück ist die Schönheit der Landschaft eine herbe, sonst wäre diese Idylle ja unerträglich. Sogar Vogelarten gibt es hier, die ich noch nie gesehen habe, mehrere Schneehuhnfamilien sind heute Mittag schon vor uns weggelaufen und heute Abend ein Alpenstrandläufer, von dem wusste ich nicht einmal, dass es ihn gibt. Ist ja auch Quatsch: Wo in den Alpen gibt es denn einen Strand, an dem er laufen sollte?
Sonntag, 16. August 2009: Der Tag fing ungemütlich an: klammes Zelt von innen und Regen von außen. Da half nur sich im Schlafsack verstecken und hoffen, dass es besser wird. Irgendwann hatte dann aber der Mann Appetit auf Tee. Also in voller Montur, zum Socken Trockentragen bereit, zum Campingunterstand, Tee trinken, schlappes Käsebrot essen und schauen, was der Tag bringt. So klug wie das freundliche Camperpärchen aus Süddeutschland, dass wir unsere Sachen über Nacht ins Waschhaus zum Trocknen gebracht hätten, waren wir nämlich nicht. Beim Frühstück gab es dann noch Profibackpacker zu besichtigen, mit optimierter Ausrüstung, schnelltrocknenen Textilien und thematisch gesonderten Plastikgepäckbeuteln.
Unser Plan für den Tag führt uns zunächst in die Irre, weil wir naturschutzfrevelnd vom Pony-Express-Trail irgendwo falsch abgebogen sind und keinen Wanderweg gefunden haben. Netterweise waren außer uns noch zwei Wanderer unterwegs, dank derer wir den Weg wiederfinden. Belohnt wurden wir dafür mit einer so unverschämt schönen Aussicht, dass ich mich (und den Mann) gefragt habe, wer eigentlich nach Neuseeland will, wenn hier so eine wunderschöne Landschaft aufgestapelt ist. Heute haben wir auch ausschließlich Schafe und Landschaft gesehen, genau wie Down Down-Under. Niemand allerdings hatte uns gesagt, dass in Island so viel die Sonne scheint. Als verantwortungsvolle Bergwanderer haben wir Regenzeug dabei, das ist aber vollkommen überflüssig und bringt einen nur ins Schwitzen, weil wir es uns in Ermangelung eines gescheiten Tagesrucksacks irgendwo an den Körper binden. Nachmittags Rast an einer besonders schönen Biegung der Öxará mit Fußbad in den Stromschnellen. Der Mann hat Kanuphantasien, stellt aber fest, dass dazu doch nicht genügend Wasser im Fluss sei.
Nachdem ich mich auf dem Aufstieg ziemlich dämlich bei den diversen Flussüberquerungen angestellt habe, werde ich auf dem Rückweg Doktor Furt und dann auch noch Professor, auf meine akademische Karriere kann ich jetzt verzichten, denke ich. Kurz bevor die Batterien leer sind und wir in die Straße einbiegen, die zum Camping führt, sagt das GPS, dass wir 20,07 Kilometer über Geröllhalten gestiefelt sind. Ich muss mit dem Kopf auf dem Tisch liegen und bekomme als Wiedergutmachung für irgendeine partnerschaftliche Quatschzickerei Pylsur und Kaffee ausgegeben. Mein erstes isländisches Fastfood finde ich sehr lecker, das hängt aber bestimmt auch mit der Wanderstrecke und der Sonneneinstrahlung zusammen. Wie gesagt: trockene Alkoholiker, Kaffee an jeder Ecke. Niemand, wirklich niemand, hat mir gesagt, wie sonnig es in Island sein kann, ich bin verbrannt im Gesicht und der Mann sieht auch nicht wesentlich besser aus. Ein Portion Tschechen fährt im Mondlandefahrzeug herum, das sich als Biene Maja verkleidet hat, außerdem ist heute Sonntag und Ausflugstag, es sind viele Isländer mit uns hier und ich stelle fest, dass die tatsächlich in den traditionellen Wollpullovern herumlaufen, die man von „den Wollsocken“ (HP) aus den 80ern kennt. Es gibt also viel zu sehen. Für heute sind wir durch, zum Glück immer noch Sonne und Wind, Socken und klammes Handtuch trocknen, morgen kann mir nichts was anhaben, man wird ja genügsam.
Montag, 17. August 2009: Die Cachelöschung geht weiter. Wir beide haben wilde Sachen geträumt diese Nacht. Bei mir war Themenabend: Alle Männer, mit denen ich mal was hatte, traten in einer seltsamen Geschichte zusammen auf. Vielleicht waren es auch nur einzelne Szenen, ich bin mir nicht sicher, man konstruiert sich ja gerne einen narrativen Zusammenhang in seine Träume hinein. Der Mann kann sich nicht genau an Inhalte erinnern und schläft wieder ein. Draußen scheint noch immer kein Schneesturm aufzukommen. Wir müssen einen isländischen Jahrhundertsommer erwischt haben. Unsere Essensvorräte sind ziemlich runter, deshalb gibt es zum Frühstück Tee und einen halben Früchteriegel für jeden. Wir besteigen den Bus und bei Geysir wieder aus. Das Wetter ist heute wechselhaft, es regnet immer mal wieder zwischendurch, aber nicht schlimm.
Auf dem Weg hierher sind wir wieder durch so viel Landschaft gekommen, die so schön war, dass mir die Tränen kamen. Buchstäblich. Wieder Schafe ohne Ende, aber dieses Mal auch Pferde, die genauso frei herumlaufen wie die Schafe und heute habe ich sogar Kühe gesehen. Ich war durchaus froh, dass der Busfahrer uns fährt. Der Zeltplatz ist wieder schlimme Idylle, direkt am Feld mit den Thermalquellen. Die Frau an der Rezeption hat sehr gute Laune, als würde sie sich freuen, dass wir nicht nur kurz anhalten, um die Springquellen zu sehen. Blöde Projektion! Alle lesen hier Lonely Planet und kommen sich individuell vor. Die Burgertankstelle ist extrem teuer, aber der Cheeseburger ist gut, mein zweites isländisches Fastfood. Nicht dass ich eine echte Vergleichsmöglichkeit hätte, ich habe wahrscheinlich vor sieben Jahren meinen letzten Cheeseburger gegessen, aber trotzdem finde ich ihn lecker und Harry Hunger ist ja bekanntermaßen sowieso der beste Koch.
Bei der ersten Inspektion der Springquellen stoßen wir auch auf unseren ersten Touristenstrom. Ich mache trotzdem schon ein paar Aufnahmen von unserem neuen Haus im Wald, direkt am Wasserfall und von seltsamen Farben und Nebelschwaden über kochendem Wasser. Beim Camping darf man die Hot Pots vom Hotel mit benutzen, das kommt unseren gestern geschundenen Beinmuskeln zu Gute. Vom heißen Wasser aus schauen wir schon wieder über Landschaft, dieses Mal viel offener als in den Bergen von þingvellir, es fühlt sich ein bisschen wie im Western an und fast romantisch. Irgendwann später gehen wir wieder zu den Springquellen. Mein neuer bester Freund ist Littli Geysir, ein recht großes Loch im Boden, in dem schlicht und einfach die ganze Zeit das Wasser kocht und das macht es nicht nur jetzt gerade und auch nicht nur heute und morgen, sondern immer und das schon seit zig Tausenden von Jahren. Ich kann es kaum glauben. Auf dem Zeltplatz ist wieder der optimierte Backpacker von þingvellir vor Ort, der reist mit einem Kollegen, aber gezeltet wird nicht zusammen, sondern mit so viel Abstand voneinander, dass man sich gerade noch sehen kann. Vielleicht schnarcht einer von beiden. Ich glaube, heute habe ich Raben gesehen, ich denke, Krähen, falls es hier überhaupt welche gibt, bewegen sich anders.
Dienstag, 18. August 2009: Wir können nicht wirklich von Strókkurs Kochshow lassen heute morgen. Irgendwann aber reißen wir uns los und besteigen den Bus, der über die Kjölur-Route durchs Hochland fährt. Unterwegs halten wir kurz beim Gullfoss, kaum zu glauben, dass die den zubetonieren wollten. Im Hochland selbst finde ich nicht, dass es wie auf dem Mond aussieht. Wir stoppen in Hværavellir, wo es noch mehr heiße Quellen und einen natürlichen Hot Pot gibt. Dort angekommen bedauern wir ein wenig unsere rudimentäre Reiseplanung, denn mit einem Basecamp hier könnte man bestimmt interessante Wanderungen machen. Später wird es recht schnell wieder grüner und sieht schon wieder überall wie im Auenland aus: Vulkanische Berge sind mit Gras bewachsen und werden von Schafen beweidet, im Hintergrund höhere Lagen, in denen Schnee herumliegt. Uns begegnet eine Reitergruppe, die ihre Wechselpferde einfach frei mitlaufen lässt. Sowas geht eben, wenn man die Tiere in Herden hält. Hier und auch später, wo ich Pferde die gleichen Hänge abweiden sehe wie die Schafe, staune ich darüber, wie trittsicher die sind.
Am späten Nachmittag dann nähern wir uns Akureyri, direkt am Fjord, ich phantasiere schon von Walen. Man merkt, dass wir im Norden des Landes sind, es ist es wesentlich kälter als im Süden. Der Wind lässt einen extrem schnell frieren. Endlich sind wir wieder in einer richtigen Stadt (naja, 16.500 Einwohner), der Supermarkt kommt uns sehr gelegen. Abends gibt es Cuisine Camping, leider aus der Konserve. Der Zeltplatz ist recht voll, deutsche Touristen führen abwegige Nichtgespräche mit italienischen Touristinnen über Adriano Celentano, die Mods und Herrn Rossi. Völkerverständigung irgendwie vorgetäuscht. Ich philosophiere über den Icelandic Way angesichts der Schafhaltung ohne industrielle Tierproduktion. Natürlich ist es einfacher, die Ressourcen in Ruhe zu lassen, wenn man ohne Ende erneuerbare Energie und nur 300.000 Personen mitten im weiten Polarmeer zu versorgen hat, aber schlecht finde ich das alles nicht.
Mittwoch, 19. August 2009: Es regnet. Es regnet, als wir uns morgens die Kirche von Akureyri ansehen und Statue vom mageren Helge suchen. Es ist auszuhalten, als wir im Café Paris mit Kaffee und Schokoladenkuchen die Reisestimmung zu heben versuchen. Im Bus nach Húsavik geht es natürlich sowieso. Der Busfahrer kennt keine Gnade mit den Straßenverhältnissen. Es regnet und stürmt noch immer, als wir unser Zelt wieder aufbauen. Der lustige Mann von der Touristeninformation hat uns den Weg zum Sundlaug erklärt und dabei gemeint, wir würden kein Schwimmbad brauchen, denn „It is going to rain like hell.“ Recht hat er. Wir haben zum Glück im Vínbúð in Akureyri noch ein paar Pils gekauft, sonst wäre es echt zu schwierig. Abendessen fällt aus, wir sind satt von Crackern und Bier.
Donnerstag, 20. August 2009: Heute Morgen tut Húsavik so, als wäre nichts gewesen, Zelt und Klamotten sind dank Morgensonne wieder auszuhalten und es geht auch eine Dusche. Wenn ich eine Investition auf dieser Reise noch nicht bereut habe, dann ist es die in die Merinowollefunktionswäsche, die hält mich warm und trocknet schnell, ich habe sie Tag und Nacht an. Diese Nacht war unruhig: Downhillcamping sorgt dafür, dass wir mitten in der Nacht wach sind, hat aber auch Vorteile, denn wir sind ohne Krampf im Kopf rechtzeitig auf.
Unser erster Programmpunkt heute ist die gestern gebuchte Walbeobachtungstour. Morgens vom Hafen aus gesehen und im Sonnenschein ist Húsavik sehr malerisch mit bunten Häusern, die so an der Bucht herumstehen. Der Ort hat nur 2.500 Einwohner, aber eine Bücherei, eine Buchhandlung und ist, wie auch schon Akureyri, gemessen an seiner Größe extrem weltläufig. Leider haben wir mit den Walen heute kein Glück, aber die Schiffsfahrt an sich ist schon ein ziemliches Erlebnis: Mit einer ziemlichen Nussschale schippern wir unter Leitung von Käptn Blaubär im Nordpolarmeer herum, das schaukelt ganz schön, nicht so, dass ich Angst bekomme, aber so, dass man Mühe hat, auf den Beinen zu bleiben. Am Ende der Tour jedoch ist mir rechtschaffen kalt.
Mittags gibt es Tee und Käsebrot und wir schauen uns in der zweiten Tageshälfte die Museen von Húsavik an. Das Penismuseum (Phallological Museum of Iceland) hat allen Ernstes eine Sammlung unterschiedlich konservierter Tierpenisse und halt noch so Spaßkram mit Penissen. Das zeugt auf jeden Fall von einem illustren Sinn für Humor. Aus verschiedenen Ländern haben dem Museumsbetreiber ihre eigenen Genitalien vermacht, interessante Sache. Damit wir dann wenigstens alles über Wale wissen, wenn wir schon keine im Meer gesehen haben, besuchen wir auch noch das Walmuseum, das tatsächlich sehr informativ ist, manchmal hat Lonely Planet auch recht. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass Wale aus Landsäugetieren entstanden sind, die auch die Vorfahren von Nilpferden sind. Ich wusste auch nicht, dass die Isländer sich das mit dem industriellen Walfang nicht selbst ausgedacht haben, sondern hier halt traditionell gestrandete Wale in der Nachbarschaft verteilt wurden, weil so ein Wal ja auch mal ein Dorf durch den Winter bringen kann. Am frühen Abend dann verwandelt eine spanische Radreisegruppe die Kochhütte in eine Sauna, mir gelingt dort eine akzeptable Cuisine Camping. Es fehlt aber definitiv die Flasche Wein dazu, sowohl zum Trinken als auch zum Kochen. Aber in der Vínbúð kostet die billigste Flasche chilenischer Wein so etwa 14 Euro, das ist ja ein Preis, bei dem Kochen ein Frevel wäre. Isländische Süßigkeiten sind aber toll: Fast überall ist Lakritz drin und im Fruchtgummi hauptsächlich künstliche Farbe und Aroma. Ich mag dieses Land!
Freitag, 21. August 2009: Der Regen vorgestern war noch gar nichts im Vergleich mit dem Regen und dem Sturm von heute. Wir bekommen in konzertierter Aktion das Zelt ab- und in Reykjalið wieder aufgebaut, aber es fängt an zu nerven. Ich kann die Landschaft, die Lavafelder und den See überhaupt nicht würdigen. Mittags ist mir so kalt, dass wir uns auf die Mývatn Nature Baths verlegen. Dort im warmen Thermalwasser kommt das erste Mal so ein richtiges Islandreisegefühl auf. Wir sitzen im blauen Becken, über uns kalter Regen in der Luft und wir haben eine Aussicht auf die Lavafelder überall um uns herum. Ich bekomme auch meine Haare endlich einmal richtig trocken, das Bad hat echte Hochleistungshaarföne.
Mit der ganzen Wärme innen und noch Kaffee oben drauf machen wir uns auf den Weg durchs Lavafeld, dabei kommt zum zweiten Mal ein richtiges Islandgefühl auf. Es gibt auf dem Weg spektakuläre Lavaphänomene zu sehen, so zum Beispiel eine Grotte, in der warmes Thermalwasser steht, in dem auch gebadet werden kann. Nach dem Cowboydinner (rote Bohnen in Chilisoße) ist die Wärme allerdings schon fast wieder aufgebraucht. Zum Glück hat der Wind nachgelassen. Der Junge von der Rezeption am Zeltplatz meint, morgen regnet es nicht. Das ist mir überhaupt schon häufiger aufgefallen: In Familienbetrieben arbeiten sehr selbständig schon ziemlich junge Jungs und Mädels mit. Entspanntes Generationenverhältnis etwa?
Sonnabend, 22. August 2009: Wir frühstücken heute später als sonst, es gibt Skyr mit Müsli und Banane. Mir ist noch immer nicht klar, wie ich Skyr finde. Von der Konsistenz her ist er so ähnlich wie Quark, ich finde es ziemlich geschmacklos. Aber es gibt es überall und when in Rome do as the Romans do. Lonely Planet hat uns für die Gegend um den Mývatn empfohlen, uns ein Auto oder ein Mountainbike zu mieten, da die Strecke um den See 36 Kilometer lang und zu Fuß schwer zu bewältigen sei. Wir entscheiden uns, wie schon gestern gehofft, für die Fahrradvariante. Weder der Mann noch ich haben Lust, den ganzen Tag im Auto zu sitzen. Noch dazu scheint heute die Sonne, es ist aber windig und hat gar nicht so warme zehn Grad.
Die Fahrt vergeht wie im Flug, am Ende kann ich kaum glauben, dass wir tatsächlich so viele Kilometer (Das GPS behauptet es wären mehr als 50) zurückgelegt haben. Zuerst geht es durch ein Vogelschutzgebiet am Seeufer. Ich sehe Schwärme von Wassergeflügel. Wir überqueren die Laxá, wo der Mann eine gefühlte Stunde lang mit Wildwasserbegutachtung befasst ist. Wir fahren an einer ganzen Reihe Pseudokratern vorbei, die mit dem See zusammen eine Landschaft ergeben, als hätte die Auvergne mit Lummerland ein Kind bekommen. Mittags fahren bereits alle Querköpfe zum Hverfjell. Der Aufstieg und die Umrundung sind mühsam und hier sieht es tatsächlich endlich mal, wie versprochen, aus wie auf dem Mond. Ich bin ziemlich stolz auf mich, wie ich auf dem Mond mit dem Mountainbike fahren kann. Die Sensationen oben am Weg, mit warmem Wasser gefüllte Grotte und Erdspalte haben wir ja gestern schon gesehen. Am Ende mache ich schlapp: Das Mountainbike vom Zeltplatz bekomme ich nicht die zehn Prozent Steigung zur blauen Lagune hoch, aber auch da oben sieht es aus wie in der Wüste oder vielleicht sind wir auch auf dem Mars, womit die Frage nach dem Leben daselbst beantwortet wäre: Es gibt Wasser, schwefelhaltige Quellen nämlich.
Auch wieder runter traue ich mich nicht, mit dem Seelenverkäufer von Fahrrad zu fahren, dazu sitze ich zu sehr auf dem Rad wie ein Affe auf dem Schleifstein und die Bremsen naja, sie bremsen schon, aber sie machen Sachen, die mich fürchten lassen, bei 40 Sachen ungespitzt in den Boden zu rammen. Dem Mann gibt die Wartezeit auf mich die Gelegenheit, Schwefel zu ernten. Im weiteren Verlauf der Reise verschwindet die Probe jedoch wieder und damit habe ich ernsthaft nichts zu tun. Der Tag endet dennoch in der Krise. Jemand hat unseren Kocher mitgehen lassen, den wir im Küchenzelt versehentlich hatten stehen lassen. Im Tankstellenmarkt gibt es Ersatz, zum Glück, sonst wäre die Reiseplanung gleich mit in der Tonne gewesen.
Sonntag, 23. August 2009: Das war sie dann doch noch, da die Busroute, die wir für heute fortzusetzen geplant hatten, nicht am Wochenende geht. Das und das Warten auf den Bus aus Reykjalið heraus in Kombination mit schlechter Laune wegen des verlorenen Kochers machen den Tag unerträglich. Ich muss den Mann schließlich ausfliegen lassen, damit er sich beruhigt, ich buche uns zwei Inlandsflüge von Akureyri nach Reykjavik über Internet. Das gibt es nämlich, Busverbindung oder nicht.
Montag, 24. August 2009: Vielleicht ist es die Nähe zur Stadt, meine Welt ist heute wieder in Ordnung. Leider sind die Papageitaucher schon weg, was für uns auch bedeutet, dass wir den Trip nach Heimaney nicht mehr machen werden. Aber wir buchen den Ausritt und die Raftingtour fürs Wochenende.
Wir schauen uns dann das Hressó von innen an und essen Salat, wir werden eine Vitaminvergiftung bekommen. Anschließend besuchen wir die Halgrimskirkja von innen, von außen ist sie gerade nicht so hübsch, weil der Turm saniert wird und ein Gerüst bekommen hat. Innen ist alles sehr aufgeräumt und sehr schlicht, aber die Orgel hat Format. Vom Stil her (auch passend zur Bauzeit irgendwie) erinnert sie an die klassische Moderne. Das gilt auch für den lokalen Bildhauerhelden Einar Jónsson, der klare äußere Formen bei seinen Bronzeskulpturen hat, aber auch Bezüge auf die klassische Mythologie und vor allem Allegorien so viel der Betrachter essen kann. Seine Gesichter sind nur selten individualisiert, die Körper sehr schön, die Allegorien bewegen sich für mein Verständnis an der Grenze zum Kitsch.
Als nächstes sehen wir uns im Fotografiemuseum Aufnahmen an, die so tun, als seien sie Produkte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Very amusing!
Errós Porträtausstellung im Reykjavik Art Museum ist spannend, wenn auch verwirrend: Die gezeigten Arbeiten basieren auf Collagen, die in der Technik an Max Ernst erinnern und werden dann jeweils noch einmal mit anderen Techniken in Gemälde umgesetzt. Die Motive sind Ikonen der Zeitgeschichte aus Popkultur und Politik (Mao neben McLuhan neben Bowie), dabei geht irgendetwas Kritisches vor, aber ohne klar identifizierbares Programm. Auch den Bildaufbau und die Farben verstehe ich nicht so genau. Insgesamt auch was Postmodernes, wobei die Betonung auf den Arbeitsprozess des Künstlers dem natürlich entgegensteht. Danach hat der Mann eine Kunstvergiftung, die wir mit zwei Bier kurieren. Abends machen wir reichliche Cuisine Camping mit Nudeln, Paprika, Tomate und Thunfisch. Danach kann der Mann nicht mehr und muss liegen und Aspirin nehmen. Ich esse so lange Kekse und plane unsere nächsten Schritte.
Dienstag, 25. August 2009: Es regnet wieder. Ich hatte gestern im Laufe des Tages schon fast vergessen, wie das war. Wir bauen im Nassen ab und fahren mit dem 10er Bus zum Skaftafell Nationalpark, ganz im Südosten des Vatnajökull. Die Fahrt ist nass, kalt und lang, ich bin müde und mag nicht mehr im Nassen sitzen. Ich reiße mich zusammen und gehe mit den anderen hinter unseren heutigen Wasserfall. Gibt es das: Fossphobie oder Fossallergie? Ich bin dabei, es zu entwickeln, ich merke es deutlich. Außerdem schnieft jemand im Bus, ich fürchte mich vor der Misanthropengrippe.
Meine erste Gletscherbegegnung ist überraschend warm. Am Fuß des Gletschers herrschen milde Temperaturen und sogar der Regen macht eine Pause, so dass wir in Ruhe aufbauen können. Ich vergesse meine schlechten Vorahnungen angesichts drohender Felsklippen im Nebel und schwarzer Strände. Ein Paar freundliche Franzosen hat Lebensmittel übrig, die sie uns überlassen. Das System ist überall gleich: Der Backpacker nimmt ja nix mit, das er nicht braucht, müsste man ja tragen, deshalb wird an jedem Zeltplatz verteilt und verschenkt was das Zeug hält. Nach einem Kaffee machen wir uns am mittelspäten Nachmittag auf die Wanderung über die Skaftafellheiði. Im Nationalparkinfoblatt steht, dass die etwa fünf bis sechs Stunden dauert. Ist ja Quatsch, wir sind in drei Stunden wieder da… Wir brechen also wie die Anfänger ohne auch nur die rudimentärste Ausrüstung auf, okay, regendichte Klamotten haben wir dabei. Der Svartifoss droht, mich zu enttäuschen (Fossallergie, ich bin mir sicher), denn als wir uns ihm nähern sieht er sehr klein und unansehnlich aus. Näher dran allerdings überzeugt diese regelmäßige Basaltstruktur doch irgendwie. Ich versuche, gescheite Fotos zu machen, die nicht in der gleichen Form schon im Andenkenladen auf Postkarten sind. Verdammtes Individualitätsstreben.
Ich kann das Eis riechen: Der weitere Weg geht über viel Geröll, irgendwann dämmert es, meine Stiefel fühlen sich durchgelatscht an, wir trinken Wasser aus einem Bach am Weg (Selbstüberschätzung und keine Ausrüstung). Ich fange an zu finden, dass die Natur ein böser und feindseliger Ort ist und dass der Mensch in die Bibliothek gehört. Natürlich dauert der ganze Spaß am Ende doch so lange wie angesagt. Es regnet auch wieder. Auf der Suche nach einer Dusche und einem Bier scheitern wir an den Öffnungszeiten des Nationalparkzentrums und daran, dass der Nationalparkranger mir beim Einchecken nicht gesagt hat, dass man Kronenmünzen zum Duschen braucht. So waschen wir uns halt gemeinsam im Behindertenklo. Das nenne ich Romantik. Zum Kochen haben wir keinen Nerv mehr, der Salat von den netten Franzosen rettet uns Leben, Abend und sonst auch noch einiges.
Mittwoch, 26. August 2009: Es regnet, regnet, regnet und regnet noch mehr. Wir machen heute Busabenteuer, das ist auch schon alles, was ich kann und eigentlich nicht einmal das. Auf dem Weg nach Landmannalaugar werden wir von einem Loch in der Straße am Weiterfahren gehindert und müssen auf den lokalen Landwirt warten, der das Loch mit Rollsplit auffüllt. Im Logistikbereich können die hier echt alles: Der Busfahrer telefoniert kurz mit seiner Zentrale und sagt Bescheid, wir denken schon, wir müssen zurück oder über die Ringstraße fahren oder irgendetwas in der Richtung, aber nein, Minuten später kommt da der Mann mit dem Trecker angefahren.
Ich bin wieder einmal froh, dass wir das nicht selber fahren, denn ich sehe schon den Erdboden recht nahe vor mir, als der Bus in das Loch hineinfährt. Leider oder zum Glück angesichts des Wetters haben wir durch die Verzögerung in Landmannalaugar nicht wie geplant eineinhalb Stunden, um die Landschaft anzuschauen, sondern nur 20 Minuten. Zum Glück gibt es – wie überall – Kaffee. Auf dem Weg nach Reykjavik ist der Himmel so verhangen, dass man die Hekla nicht sehen kann.
Im Bus nervt das vom Laugavegur zurückgekehrte Backpackerunwesen, das sich nicht über Nachtquartier und Nahrungsaufnahme einigen kann. Ich verwandele mich in Steve Martin in Dead Men Don’t Wear Plaid. Der Travellunch ist meine Reinemachefrau. Wir schlagen das nasse Zelt wieder in Reykjavik auf. Ich entwickle zudem eine Allergie gegen Funktionsklamotten, vor allem meine meine Stiefel mag ich nicht mehr sehen. Es dauert noch, bis ich rückblickend froh über die letzten zwei Tage bin.
Donnerstag, 27. August 2009: Ich sehe scheiße aus. Irgendwie habe ich einen Ausschlag im Gesicht. Nach Dusche, Eincremen und Puder geht es einigermaßen, aber gut ist es nicht. Weil über Nacht meine Wanderstiefelallergie nicht abgeklungen ist, bin ich dekadent genug, im Kringlan den Sportartikelladen aufzusuchen und mir Schuhe zu kaufen und auch der Rest des Tages geht mit Kaffee trinken und Einkäufen und noch ein bisschen mehr Kunst gucken drauf.
Ganz Reykjavik ist voller Galerien! Ich bekomme heute endlich meinen eigenen Islandpullover und meine Ausgabe der Sagas of the Icelanders. Am frühen Abend machen wir den Stadtrundgang literarisches Reykjavik mit: Ich erfahre etwas von wütenden feministischen Lyrikerinnen und bekomme das Denkmal für die Topsuffragette zu sehen. Island ist diesbezüglich ja fast so rückständig wie Deutschland: Frauenwahlrecht 1917. Dieser Stadtrundgang wird von einer Mitarbeiterin der staatlichen Bibliothek geleitet, die von einem Schauspieler unterstützt wird, der die Texte in englischer Übersetzung vorträgt. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass Island 100 Prozent Alphabetisierungsrate hat? Es ist eine wirklich schöne und kurzweilige Veranstaltung, die nicht einmal vom lokalen Alkoholiker gesprengt wird, der in eingepinkelter Hose aus einem eigenen Buch vorlesen möchte. Sie lassen ihn einfach auflaufen.
Auf dem Zeltplatz stellen wir fest, dass Möwen unsere Vorratstüte geräubert haben. Deswegen lachen die auch den ganzen Tag, es wird mir einiges klar. Jeder muss seine Lektion lernen, wir sind nicht die einzigen, denen es in den kommenden Tagen so ergeht. Jedenfalls erübrigt sich so die Frage, ob wir heute noch Suppe kochen. Ich versuche, das Logbuch auf den neuesten Stand zu bringen, was nicht einfach ist, weil der Mann neben mir sitzt und mich ohne Pause vollquatscht.
Freitag, 28. August 2009: Die Sonne scheint aufs Zelt. Dies wäre schon der zweite Tag, an dem es nicht regnet, falls sich dieser Trend fortsetzen sollte. Es ist kaum zu glauben. Beim Morgenkaffee treffen wir die italienischen Motorradfahrer aus Akureyri wieder, die sich über Adriano Celentano und Herrn Rossi unterhalten mussten. Wir geben ihnen von unserer Milch ab, sie versorgen uns netterweise mit echtem Espresso, was ein Luxus! Ihnen haben wir zu verdanken, dass wir auch weniger autistisch sind an diesem Morgen. Man wird ja, wenn man immer in der Natur herumlatscht, sehr ungesprächig, sobald die Logorrhoe abgeklungen ist. Wenn man sich keine Sorgen darüber machen würde, ob in der eigenen Liebesbeziehung alles okay ist, wenn man überhaupt nicht miteinander redet, würde man überhaupt nicht miteinander reden.
Beides, also Espresso und weniger Autismus sind hoch willkommen. Ich könnte wohl auch ganz gut wieder Zivilisation und keine Backpacker mehr sehen. Der Tag steht im Zeichen der isländischen Kultur. Wir machen zuerst die Jahrmarktvariante, indem wir Perlan besuchen, wo wir im Café das von den Möwen außerplanmäßig reduzierte Frühstück mit gefüllten Pfannkuchen nachholen. Der Ausblick auf die Stadt ist aufschlussreich. Wir geben uns danach das Sagamuseum, was natürlich Quatsch ist, aber einem einen Einstieg in die Sagas verschafft. Der Mann und ich trauen beide einer Figur nicht, die einen eingebauten minimalen Bewegungsimpuls hat, so dass wir die ganze Zeit Schiss haben, sie könnte ein Geisterbahnschreckeffekt sein und auf uns zugestürmt kommen.
Downtown schauen wir die Nationalgalerie an. Man vergisst ja immer wieder, dass Urbanisierung in Island ein relativ neues Phänomen ist. Mit den „Schulen“ und Epochen, die man aus der europäischen Malerei kennt, kann man hier nicht so schrecklich viel anfangen: Alles wird aufgenommen, existiert aber simultan und fast alles datiert vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Die isländische Kunst scheint mir, sofern man verallgemeinern will, stark mit den eigenen Ausdrucksmitteln, mit ihrer Medialität befasst zu sein. Dem entsprechend hängen hier auch Techniken, wie Textilarbeiten, die man in einer kontinentaleuropäischen Galerie vergebens suchen würde. Wenn ich es einordnen sollte, würde ich laienhaft das Etikett postimpressionistisch wählen. Einiges erinnert mich an Cézanne, an die frühen Expressionisten und auch an Chagall, nichts scheint aber konkret zeitliche Epochen zu unterscheiden. Die gleichen Techniken, Stile und vielleicht Themen scheinen die Jahrzehnte zu überdauern.
Nach der Kunst finden wir ein korrektes Café, das man verstehen kann: Karamba. Hier gibt es Kaffee und Dünnbier, ehe wir beim Bónus Abendessen und wieder einmal Kekse einkaufen. Hier ist ja nicht nur Klappcomputercity und I-Phone-City, sondern auch Home of the Keks. Wir trinken noch mehr Egils Gull. Das soll uns noch zu den Ohren wieder herauskommen. Nach einer Pause und so gut es geht schick machen im Zelt ziehen wir gegen neun zur runtúr los.
Die erste Station ist eine Notlösung, die dem eisigen Wind geschuldet ist, die Hotelbar vom 4th Floor Hotel liegt auf dem Weg und ist ansonsten unspektakulär. Auch hier ist der Klappcomputer König, ich halte den Mann davon ab, einen der Handlungsreisenden zu fragen, wie es beim Fußball steht. Nachher werden wir noch für englische Touristen gehalten… Wir gehen weiter ins Svartið Kaffi, sehr nett, ruhig, das Bier hat irgendwie einen hohen Trinkwiederstand. Der Mann steigt schlauer Weise auf Guinness um.
Im Grapevine hatte ich was über Dillon, den Lokalen Rock und Roll-Laden gelesen, das ist die nächste Station. Wir trinken weiter tapfer das lokale Bier, ich lehne den in Einwegspritze freundlich angebotenen Kautabak dankend ab. Es spielt eine Band, die qualitativ alles mögliche kann, ich fühle mich nur fatal an den Kiez erinnert. Das Gefühl will den ganzen Abend über auch nicht weichen. Es ist durchaus der Luzifer los, wie versprochen, aber ich habe dauernd so Assoziationen wie „Nett hier, wie in Rosis Bar“ oder auch „Oh je, das geht ja gar nicht, das ist ja wie Frieda B.“. Passenderweise hat der Mann Paranoia, aber wohl keine Russenmafia, soweit ich verstanden habe.
Jedenfalls will sich die ganz große Euphorie nicht einstellen. Ich denke, das liegt daran, dass man so ein verwöhntes Kiezschweinchen ist, wenn man aus Hamburg kommt. Es ist alles nicht so außergewöhnlich, weil man es immer mit dem vergleicht, was zu Hause in ähnlicher Form existiert und weil es einem nicht originell erscheint, ist man nicht so euphorisch. So haben wir zwar einen okayen Abend und am Ende auch mehr als genügend Egils Gull getrunken und müssen feststellen, dass man in Reykjavik schon rockt, sich dabei aber wesentlich schicker anzieht als in Hamburg, vor allem die Männer sind extrem smart.
Dem Vernehmen nach haut man sich auch wesentlich weniger auf die Glocke, aber das kann ich natürlich nicht beurteilen. Der Mann bekommt noch einen schlechten Hot Dog mit auf den Weg und wir gehen den Laugavegur zurück in Richtung raus aus der Stadt so lange, bis der Mann keinen Widerstand mehr leistet und sich von mir in ein Taxi verfrachten lässt. Es ist das erste und letzte Mal auf dieser Reise, dass ich Sundlaugavegur korrekt isländisch aussprechen kann, als ich dem Taxifahrer erkläre, wo wir hinwollen. Alles weitere ist neblig. Ich habe an Müller die traditionelle Gute Nacht-SMS geschrieben, die war nicht einmal mehr niederländisch, das der T9 und ich sonst immer so gut zusammen produzieren können. Verrückte Welt!
Sonnabend, 29. August 2009: Zum ersten Mal ist es ärgerlich, dass die Sonne scheint, verkaterter Schädel im warmen Zelt ist halt nicht die beste Lage, in der man sich befinden kann. Bis wir aufstehen können ist es nach elf, wir machen erstmal Kaffee. Nachdem wir uns einigermaßen restauriert haben, schauen wir uns Laugadalur und den botanischen Garten an. Letzterer hat zum Glück ein Selbstbedienungscafé im Gewächshaus. Ich sehe ja nur übel aus, aber der Mann kann noch gar nichts.
Noch ein Galerie heute, unsere letzte, dieses Mal zeitgenössische Bilder, die sich ausschließlich mit dem eigenen Medium (Farbe und Farbauftrag) auseinandersetzen. Viele rote Punkte, gute Nachrichten für die Künstler. Im Kaffi Sólon bekomme ich amerikanisch inspirierten Käsekuchen und der Mann Gemüsesuppe, danach langer Weg zurück zum Zelt und letzte Blicke auf die Stadt. Ich stelle fest, dass ich schon einige Tage da bin. Ich fange an, Gesichter wieder zu erkennen: die Frau von der Zeltplatzrezeption im Café, die aus der Bibliothek im Karamba…
Wir gehen Abendessen in einem Thairestaurant, das von der Grapevine-Redaktion liebgehabt wird, etwas ab vom Schuss, aber noch immer am Laugavegur. Die Kellnerin warnt mich, das Gericht, das ich bestellt habe, sie „the spiciest we have on the menu“. An die Sinnlosigkeit solcher Warnungen im deutschsprachigen Raum gewöhnt, bestelle ich es dennoch und bekomme Chilischoten, die kurz unter meiner Schmerzgrenze liegen. Es ist sehr gut, sehr lecker, aber wirklich auch extrem scharf. Der Mann hat ein Curry, das auch nicht ohne ist. Wir beschließen den Abend mit Trinkjoghurt, um die Folgen abzumildern. So doof sind wir ja dann doch nicht.
Sonntag, 30. August 2009: Heute haben wir uns den Wecker gestellt, denn heute ist Adventuretag. Wir warten wie verabredet vor dem Hostel auf die Abholung zur Reittour. Ein lustiger Mann mit Sakko und offenem Hemd, der mich an Onkel Reinhard erinnert, fährt uns und einen Kleinbus voll anderer Touristen zur Eld Hestar Farm. Hier werden wir von netten Damen in extrem informeller Reitkleidung in Empfang genommen und dürfen uns zuerst mit Helmen und bei Bedarf Ölzeug ausstatten. Die Pferde warten schon am Zaun vom Paddock und sind extrem entspannt. Komisches Gefühl trotzdem, nicht selbst zu satteln.
Der Mann bekommt Lisa zum Reiten und ich einen großen Rappen, dessen Name so unaussprechlich für mich ist, dass ich ihn augenblicklich wieder vergesse. Vielleicht liegt es daran, dass er so überhaupt nicht nach vorne gehen mag und auf normale Schenkelhilfen gleich gar nicht reagiert. An den Zügel bekommt man Islandpferde ja eh nicht, will man ja auch nicht, weil man ja möchte, dass sie tölten. Mein einziger Versuch, kurz die Zügel aufzunehmen, endet dann auch damit, dass mein Pferd stolpert, also lasse ich ihn Dienst nach Vorschrift machen und staune dieses Mal hautnah über seine Trittsicherheit, ihm machen Furten mit richtigen Geröllbrocken, Pfützen und Lavabrocken gleichermaßen wenig aus. Der Mann sieht lustig aus in der Bohrturmkluft auf dem kleinen Pferd, ich bekomme auch ein Beweisfoto. Der Ritt ist viel zu schnell vorbei.
Als wir absatteln sehe ich, wie schmutzig die Pferde sind, damit bräuchte man sich in der norddeutschen Tiefebene gar nicht aus dem Stall zu trauen. Aber die Pferde stecken das alles weg, stellen sich wieder in die Herde und freuen sich ihres Lebens. Ich auch, ich hätte mein Pferd gleich mit nach Hause genommen, allerdings merke ich in den Beinen, dass ich seit 20 Jahren auf keinem mehr gesessen habe. Mittags gibt es Suppe zum Aufwärmen und belegte Brote in dem Hotel, das zur Farm gehört. Die Mädels hier sind wirklich extrem freundlich, das scheint mir ein gutes Bild für Island zu sein: Mitten in der Lavawüste steht etwas, das von außen wie ein Baucontainer aussieht, drinnen ist alles hell und freundlich, Menschen wie Pferde wie Räume.
Ich quatsche das Studentenpärchen an, das mit uns noch auf den Raftingtrip kommt. Sie erzählt, dass sie aus Kroatien sind und als Freiwillige in þorsmörk gearbeitet haben, ehe sie als Couchsurfer nach Reykjavik weitergefahren sind. Sie sind alle beide sehr nett, so dass wir uns die Zeit bis zur Abfahrt und im Auto auf der Weiterfahrt mit dem Austausch von Islanderfahrungen und Geschichten über akademische Systeme vertreiben. Der Mann unterhält so lange zwei junge Damen aus Frankfurt mit Outdoorräuberpistolen.
Die Rafting Guides sind lustige Hippies, überall sonst auf der Welt hätten die eine Surfschule. Die Einführung ins Paddeln ist einfach: Jeder hält immer einen T-Griff fest, damit man sich gegenseitig keine Zähne ausschlägt, „Forward“ heißt vorwärts paddeln, „Backward“ rückwärts, „Stop“ alles bleiben lassen („paddling, talking, fooling around“) und „Hold On“ heißt „Grab the Oh shit-line and lean in“. Der Fluss hat Wildwasser II und ich interessanterweise keine Sekunde lang Angst. Beim Klippenspringen kneife ich zwar, aber später falle auch ich in die Hvitá.
Ich habe nie geglaubt, dass es verallgemeinerbar ist, was der Mann sagt, dass einem die Kälte ganz egal ist, wenn man bei Wildwassersachen reinfällt, weil man ja was anderes zu tun hat, zum Beispiel zum Boot zurückschwimmen, und außerdem Neopren an, aber es stimmt. Ich weiß nicht einmal, ob das Reinfallen unangenehm ist, ich schwimme halt und lasse mich mittels Auftrieb der Schwimmweste retten. Ich werde wohl nie vergessen, wie uns dann dieser rauschebärtige Hippie mit der Rastafari-Mütze und der 70er Jahre-Sonnenbrille im alten US-Schulbus durchs Nirgendwo zur Rafting Lounge zurückgefahren hat. Ich frage mich schon, in welchem Film ich da bin. Zum Aufwärmen gibt es auch hier Suppe und noch ein Getränk.
Auf der Fahrt nach Reykjavik sitze ich neben den beiden Frankfurterinnen, die von einer mehrtägigen Pferdetour über die Kjölur-Route kommen. Die beiden berichten, dass es genauso lief wie auf unserem Halbtagesritt: Die Pferde laufen trotz Reiter. Die netten Rafting Guides setzen uns beim Hostel wieder ab. Ganz großer Planschspaß das alles, aber viel zu wenig Action auf dem Fluss!
Beim Pizzadinner werten wir den Tag aus. Wir stellen fest: 1. Islandpferde können alles. 2. Isländer sind wahnsinnig gut organisiert (Zwei Trips mit Touristen aus jeweils etwa fünf verschiedenen „Quellen“ so unfallfrei und dabei unbürokratisch zu händeln das soll denen mal einer nachmachen.). 3. Auf dem Fluss hätte mehr Action sein können. 4. Wenn man andere Menschen trifft, wird man wieder gesprächig, der praktische Grund dafür, dass man sich als Paar nicht isolieren soll…
Montag, 31. August 2009: Ich habe meinen Rucksack auf der ganzen Reise noch nie so schlecht gepackt und außerdem 1,2 Kilo an Gewicht gewonnen. Das macht insofern nichts, als ich ihn ja nur zum Bus und zum Einchecken tragen muss und als ich bei 15 Kilo lag, obwohl ich das Zelt (4,6) getragen habe. Der Mann hatte dagegen schon ohne Zelt 20 Kilo Rucksack. Wir schauen uns in Ruhe die Kunst im öffentlichen Raum an. Den Rückflug hatte ich dumm gebucht, irgendwie war mir nicht aufgefallen, dass wir Stunden Aufenthalt in Oslo haben würden. Nachdem ich meine Kreditkartenabrechnung zu Gesicht bekommen habe, werde ich in den nächsten Tagen außerdem feststellen, dass Island kein sehr teures Urlaubsland gewesen ist, Norwegen wäre eines gewesen. Spät am Abend sind wir wieder in Hamburg, die Katze ist ein Schmuseterrorist, wir scheinen vermisst worden zu sein. Der Mann ist mir noch die angedrohte Verlustliste der Reise schuldig. Island ist großartig, ich komme wieder. Der Mann ist der beste der Welt. Hochzeitsreise ist eine feine Sache, nicht nur wenn man dabei ist.
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Herrschaften,
so langsam langweile ich mich mit mir selbst, aber mein heutiges Thema hat schon wieder mit meiner verschwendeten Jugend zu tun. Ich war doch am Mittwoch beim Auftritt von NoMeansNo in der Fabrik. Unregelmäßige Nichtleserinnen meiner AMWATUHN-Texte beim fc42 werden sich daran erinnern, dass ich gern in die Fabrik gehe. Daran hat sich noch immer nichts geändert. Es ist schön in der Fabrik und beim NoMeansNo-Konzert werden die Gründe dafür, dass es dort so schön ist, besonders deutlich.
Zum allerersten kann in die Fabrik jeder hin. Ich hatte ja vor kurzem schon darüber nachgedacht, die Punkkonzerte zu knicken und nur noch zu Metalkonzerten zu gehen, weil mich dieses ganze Coolness-Gehampel des Publikums auf Punkkonzerten so nervt. Auf Metalkonzerten hingegen ist ja sowieso überhaupt niemand cool. Die Musik ist jetzt nicht so schlecht, man kann in Ruhe herumstehen, Musik hören, mehrere Biere trinken und dann mit angenehmem leichtem Ohrpfeifen wieder nach Hause fahren.
Auf Punkkonzerten hingegen gibt es nur wenige Lizenzen. Zum Beispiel ist meistens ein betrunkenes, hoffentlich nicht mehr minderjähriges, Punkmädchen dabei, das immer wieder aufgestellt werden muss, weil es beim Pogen über die eigenen Stiefel gestolpert ist. Das ist ausgesprochen niedlich und auch sehr unterhaltsam und wird trotz der hohen Uncoolness wahrscheinlich aufgrund des zarten Alters von allen Anwesenden akzeptiert, mich sogar eingeschlossen, die doch sonst nie ein Verständnis dafür hat, dass junge Damen sich würdelos benehmen.
Davon einmal abgesehen fällt mir in letzter Zeit eine extreme Humorlosigkeit bei Besucherinnen von Punkkonzerten auf. Ich führe das darauf zurück, dass diejenigen, die hingehen, sich selbst zu beweisen versuchen, dass sie zu den Auskennern gehören. Das ist sehr schade, ist doch Punkrock eigentlich eine Szene, die sich irgendwann einmal, als ich noch sehr heftig dabei war, meine Jugend zu verschwenden, durch ein hohes Maß an Selbstironie ausgezeichnet hat. Heute zeichnen sich Punkrockkonzerte eher dadurch aus, dass nur die Bestuhlung fehlt und schon hätte man das andächtig lauschende Publikum eines philharmonischen Orchesters.
Hiervon zum Beispiel war die Sache am Mittwoch eine extrem angenehme Ausnahme. Ich stand oben auf der Galerie, weil mir warm war und ich nüchtern bleiben wollte, so dass ich befürchtet hatte, in der pogenden Bevölkerung fehl am Platz zu sein. Aufgrund dieser Aussicht auf eben jene Bevölkerung konnte ich die Dynamik beobachten, die dort herrschte. Eine solche Eintracht der gut gelaunt und zum Glück nur zum Teil oberkörperfrei herumspringenden Herren verschiedenen Alters habe ich lange nicht mehr gesehen. Ein besonderer Grund zur Freude waren für mich auch die Frauen, die bei NoMeansNo genauso herumspringen wie die Männer in den ersten Reihen. Da wurde nicht gezickt, sondern gerockt.
Gleiches galt natürlich für die Bühne. Die Herren Wright und der Herr Holliston spielten ein dem Motto „Wrong! Revisited“ angemessenes Programm, das sie mit der Behauptung untermalten, es sei dies ihr 1.000stes Konzert in der Fabrik. Mich persönlich hat gefreut, dass auch einiges aus „Small Parts Isolated and Destroyed“ dabei war, ist das doch das Album, mit dem ich auf NoMeansNo gekommen bin.
Noch immer kann ich mich nicht mit den grenzwertig melodramatischen, doch sehr schwermetallischen, Passagen einiger Songs anfreunden. Vielleicht sind Metalkonzerte aus geschmacklichen Gründen für mich doch nicht unbedingt ratsam. Aber diese Momente gehen bei NoMeansNo ja auch recht schnell wieder vorbei, ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, dass die angesichts des an Humor nicht armen Gesamtkonzepts vollkommen unironisch gemeint sind.
Jedenfalls haben kleine Gesten immer wieder bewiesen, dass ich so falsch nicht liege, wurde doch etwa der Bass schon einmal an den Verstärker gelehnt, wenn das Publikum allzu enthusiastisch zu werden drohte. Es sind eben manchmal die ganz kleinen Gesten die Punkrock über den simplen Rock’n'Roll hinausheben. Zu viel Bewunderung für die Virtuosität des Künstlers hat gerade Punk ja noch nie gewollt und wer das will, der ist eben was anderes. Rock oder so, was es halt sonst noch so hat.
Sehr beruhigend auch, dass der Druck auf die Verstärkerleitung noch immer extrem hoch ist. Beruhigend für mich meine ich jetzt, zeigt es mir doch wieder einmal, dass älter werden und bleiben was man sein will sich nicht gegenseitig ausschließen, dass es außerdem noch wesentlich überzeugender kommt, einfach älter zu werden.
Ich verehre ja zum Beispiel Madonna sehr, nicht wegen ihres künstlerischen Outputs, der ist für mich relativ irrelevant, sondern deshalb, weil sie eine der wenigen Frauen ist, die nach vorne gekommen und dort geblieben sind. Davor habe ich Hochachtung. Allerdings werden in letzter Zeit sehr unangenehme Stimmen laut, die Dinge sagen wie Madonna werde alt, sie solle sich mal ihrem Alter entsprechend anziehen. Ich habe selbst in irgendeinem MTV-Video, wird wohl Eminem oder so gewesen sein, eine Madonna Spitting-Image-Figur herumhampeln sehen.
Ich finde auch, dass Madonna ruhig mal älter werden könnte. Damit meine ich jetzt so richtig älter, nicht als nicht von der Hand zu weisendes Faktum auf dem Kalenderblatt, sondern so richtig ernsthaft äußerlich. Eben wie zum Beispiel die Herren von NoMeansNo, die Brille, Platte, graue Haare und alberne Shorts tragen. Meinetwegen könnten die Madonnen der Welt ruhig mit dem Botox und dem Poweryoga aufhören und sich von mir aus noch immer in die Discofummel stecken lassen. Ich hab damit kein Problem.
Ich finde auch, dass ein offen und bewusst älter werdender Mensch sich weniger angreifbar macht, als einer, der die Folgen des Älterwerdens so lange leugnet, bis sie nicht mehr zu übersehen sind. Schließlich ist die künstliche Infantilität von Menschen, die eigentlich erwachsen sein sollten, sehr belastend. Denn wie sagte der Herr Hawaii letztes Jahr zu Silvester: Das Jahr 2008 ist fast zu Ende, das Jahr 2009 fängt bald an, die Welt wird wieder nicht untergehen, wir werden alle weitermachen müssen. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.
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Herrschaften,
ich gebe es endlich zu: Ich bin schizophren … oder ich leide an einer Spaltung meiner Persönlichkeit. Ich bin nicht sicher, in welchen psychopathologischen Formenkreis ich mich einordnen soll.
Das Problem ist folgendes: Ich möchte im Grunde genommen alt und weise sein, kann mich aber nicht völlig zufrieden damit geben, dass ich etwas tue, das diese Vermutung nahe legen könnte. Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit, demnächst sind es vier Jahre, mit dem Rauchen aufgehört.
Das hatte ich mir nicht vorgenommen, sondern es ist einfach so passiert. Ich war zu Weihnachten auf einer traditionsreichen Hamburger Tanzveranstaltung im Independentbereich für ältere Semester und hatte mir zu diesem Zweck wie immer ein Päckchen Zigaretten gekauft und eingesteckt. Schließlich ist es umständlich bis ärgerlich, bei solchen Gelegenheiten selbst zu drehen. Eben dieses Päckchen habe ich noch immer und es ist noch immer mehr als halb voll, weil ich mich bei jeder Zigarette, die ich mir an jenem Abend angesteckt habe, gefragt habe, was das eigentlich soll. So richtig lecker war es nicht und ich habe keine von ihnen so richtig bis zum Ende geraucht.
Seitdem habe ich – Hand aufs Herz und alles sowas – genau zweimal bei irgendwelchen Parties an jeweils einer Zigarette zwei- bis dreimal gezogen und es ansonsten gelassen. Das kann meinetwegen auch so bleiben. Ich habe gar nichts dagegen, in beider möglicher Hinsicht besser zu riechen und alles das. Abgesehen davon habe ich neulich mal berechnet, was ich eigentlich heute an monetären Mitteln aufbringen müsste, um in dem Maße zu rauchen wie früher und mir gedacht, dass ich das Geld doch lieber in Erleben investiere und es dort besser angelegt finde.
Soweit so schön und so unproblematisch. Der Punkt ist nur: Ich habe wahnsinnig gerne geraucht. Deshalb bin ich nostalgisch und diese Nostalgie will auch nicht verschwinden. Das Zigaretten Rauchen ist für mich zum Symbol meiner im besten Sinne verschwendeten Jugend geworden. Ich denke an Abende, an denen ich mit einem guten Freund unterwegs war, an denen wir beide uns nie nur selbst eine Zigarette angesteckt haben, sondern für den oder die andere gleich mit. Ich denke an Urlaub in der noch etwas zaghaften spanischen Maisonne mit der Frau, die heute meine Schwägerin ist, daran, mit der zweiten Tasse Kaffee in dieser Sonne zu liegen und eine Zigarette zu drehen. Ich denke an Sommerwochenenden und die Erholung vom Wochenenddrama (So nenne ich die Freizeitbeschäftigung, die aus dem Kennenlernen und anschließenden Vergessen von Personen anderen Geschlechts mittels Clubs besteht.) mit Zeitung, Kaffee, Zigarette und Schokoladencroissant. Ich denke an den Trinkteufel in Berlin, in dem ich mit einer mir noch immer unbekannten Person folgendes Tresengespräch führe:
Ich: …
Er: Ick bin jetzt seit zwanzich Jahren im Musikgeschäft, weißt wat ick mein?
Ich: Hmmm…
Pause
Er: Ick mein, Männer un Frauen un so, weißt, wat ick mein?
Ich: Klar!
Pause
Ich (Kleingeld zusammen kramend): Ich geh ma Kippen holn.
Er: Ick hab o noch zwei Euro.
Ich: Lass ma, ich hab noch Geld für ne Packung.
Er: Aber ick will do’onoch wat rochn.
Ich lasse mir von niemandem einreden, dass gemeinsam Rauchen nicht auch Gefühle von Solidarität und Gemeinschaft erzeugt, wie alles, was man gemeinsam einnimmt: Getränke und Mahlzeiten können das natürlich auch.
Und ehe mir jetzt ein Schlauberger ankommt und sagt, dass das ja aber keine Basis für eine gemeinsame Zukunft sei: Das weiß ich auch. Ich bin durchaus in der Lage, zwischen Tresenbekanntschaften und meinen Freunden zu unterscheiden. Es ist aber eigentlich egal, denn wer sucht schon nach der persönlichen Zukunft am Kneipentresen.
Lange Rede mit kurzem Sinn: Ich will eigentlich nicht mehr rauchen, ich rauche nicht mehr und ich fange nicht aus Gründen der Nostalgie wieder damit an – Zynismus im Chefsinne hin und her. So rational bin ich. Wenn da nicht dieser kleine Teufel wäre, der mich die Situationen vermissen lässt, die mit dem Rauchen verbunden gewesen sind und die sich ohne Rauchen nicht in der gleichen Weise herstellen lassen. Natürlich lassen sich andere Situationen herstellen, die sind auch ganz prima, aber eben nicht die gleichen.
So. Und nun kommt andauernd diese Sabine von der Bundesregierung und sagt, wir sollen alle mit dem Alkohol aufpassen und rauchen sollen wir sowieso nicht und auch sonst mit allem sehr „bewusst umgehen“, was Spaß macht und Suchtpotential birgt. Frage eins: Wie, wenn nicht bewusst, geht denn ein mittelmäßig begabter Mensch damit um? Ich sehe selten Männer mit gezogenen Revolvern hinter jemandem am Kneipentisch stehen und ihn oder sie zum Trinken zwingen. Frage zwei: Kann mir das nicht bitte wenigstens jemand sagen, der in seinem Leben schon mehr getrunken hat als ein Glas Sekt zu Weihnachten mit achtzehn?
Der Flirt mit der Selbstzerstörung gehört zur menschlichen Existenz. Wir wollen andauernd Sachen machen, die uns an unsere Grenzen und darüber hinaus bringen. Wir springen mit Fallschirmen von allem möglichem runter, wir steigen auf Berge, auf denen wir nichts verloren haben, wir begeben uns in Situationen, die uns emotional überfordern und wir nehmen verschiedene Drogen, vom Schokoladenkuchen bis zum Heroin. Von letzterem kann man krank werden, sehr krank, das ist ohnehin allen Beteiligten klar.
Aber wo kommen wir hin, wenn wir jedes potentiell selbstzerstörerische Verhalten zu einem moralischen Problem machen? Jeder Mensch kämpft mit seinen ganz persönlichen Abhängigkeiten, manche sind gesellschaftlich akzeptabler als andere. T.C. Boyle hat zum Beispiel mehr als einmal gesagt, er habe im Schreiben eine Sucht (Drogen) durch eine andere (Kunst) ersetzt und damit ist er in mehr als guter Gesellschaft. Die meisten von uns ersetzen eine Abhängigkeit durch andere, wenn die erste unerwünschte Folgen hat. Manche von uns können sich vielleicht besser ausbalancieren als andere. Ich kenne zum Beispiel eine sehr beneidenswerte Frau, die mit dem Konsum von Dingen immer dann wieder aufhört, wenn er sich als Gewohnheit festgefahren hat, weil sie sich in dieser Sekunde selbst auf die Nerven geht.
Die Mehrheit ist wohl anders gelagert. Auf keinen Fall aber ist eine Abhängigkeit von einer Substanz oder einem Verhalten ein moralisches Problem des Betroffenen. Vielleicht braucht sie Hilfe, um diese Abhängigkeit zu beenden, damit ihr Leben wieder lebenswerter wird, aber doch keine moralische Bekehrung.
Warum erzähle ich euch das alles? Weil mir die Drogenbeauftragten und sonstigen Experten dieses Landes ganz furchtbar auf die Nerven gehen. Ich empfinde die Art und Weise, wie sie mit mir sprechen, als Übersetzung einer amerikanisierten puritanischen Ethik, in der derjenige, der den Kampf mit seinen Abhängigkeiten ganz oder zeitweise verloren hat, moralisch zu schwach ist. Diese Kampagnen immer, in denen Kinder „stark gemacht“ werden sollen gegen Drogen, sind sicherlich gut gemeint, bedeuten aber in der Fortsetzung ihrer Argumentation, dass diejenigen, die suchtkrank sind, zu schwach sind und diese Argumentation finde ich inakzeptabel. Die Unterscheidung, welche Sucht sozial in Ordnung ist und welche nicht, ist doch eine rein willkürliche, kulturell getroffene Vereinbarung. Die Sucht nach Anerkennung durch Geld zum Beispiel ist eine, die zum legitimen Motor unseres sozialen Systems erklärt worden ist. Dabei halte ich diese Abhängigkeit für im Zweifel mindestens ebenso fremdschädlich, schließlich werden in ihrem Namen ganze Erdteile in Hunger und Armut gehalten.
Ich bin kein Hippie, ich bin keineswegs (mehr) für allzu sorglose Drogenexperimente, geht auch gar nicht, da heute viel zu viel ökonomische Interessen im Spiel sind. Aber bitte: Können wir in Zukunft weniger mit den in letzter Konsequenz sozialdarwinistischen Reden von der angeblichen Schwäche derjenigen bombardiert werden, deren Abhängigkeit gerade nicht sozial opportun ist? Dankesehr!
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Herrschaften,
die Ereignisse überschlagen sich, man weiß ja gar nicht, welcher Aufreger zuerst kommentiert gehört. Ich fange einfach mal bei dem an, bei dem ich wieder einmal Grund habe, zu finden, dass so viele Missverständnisse in der Debatte sind, dass ihren Teilnehmerinnen eigentlich die Staatsbürgerschaft entzogen gehört. Es hat am vorletzten Wochenende diese berüchtigte Beachparty auf Sylt gegeben, bei der die Gemeinde Westerland findet, dass ihr Initiator ihr einen fünfstelligen Betrag schuldet, um die aus der Party entstandenen Schäden zu beseitigen. Normalerweise ist mir angesichts solcher Aktionen sehr langweilig. Lebt mensch in Hamburg, dann sind größere Mengen von betrunkenen Personen zwischen 10 und 40 Jahren einfach kein sehr ungewöhnlicher Anblick. Das kann man sich jedes Wochenende auf dem Kiez ansehen gehen, sofern Interesse an diesem Anblick besteht. Davon abgesehen ist mir in der Regel schlicht gleichgültig, wer wann wo wie viel von welcher Sorte Getränk trinkt. So weit, so unspektakulär der Sachverhalt.
Spektakulär wird er für mich durch die großen Worte, die in der Diskussion um die Folgen der Aktion gemacht werden. Von Grundgesetz ist da die Rede, von Versammlungsfreiheit und vor allem von „Solidarität mit…“. Und da frage ich mich doch, warum ich eigentlich mit dem Partyinitiator solidarisch sein soll.
Grundlegend stellt sich da die Frage, weshalb am Strand getrunken werden sollte: Der Mann ist arbeitslos und von seiner Freundin verlassen worden. Buuuhuuu! Passiert den besten von uns. Warum aber sollte ich mit dem unfreiwilligen Exfreund deshalb zum Strand? Saufen hilft, zugegeben, wenn auch immer nur temporär. Seiner sozialen Bezugsgruppe auf die Nerven gehen mit detailreichen Schilderungen der eigenen Seelenlage hilft auch und da sind wir beim nächsten Thema: „social networks, soziale Netzwerke im Internet“, wie die Presse immer so griffig nichtssagend formuliert.
Im Grunde genommen sind die erweiterten Kontakt- und Austauschmöglichkeiten, die wir im Zuge der Digitalisierung und Virtualisierung der Kommunikation haben, ja begrüßenswert. Wieso aber beschleicht mich das Gefühl, dass viele Menschen dieser Tage hunderte von „Freunden“ bei myspace haben, aber keine Ahnung, wie ihre Nachbarn aussehen? Das „Schöne“ an virtuellen Freundschaften ist ja, dass sie vollständig meiner Kontrolle unterliegen. Wenn ich jetzt gerade keinen Bock auf sie habe oder jetzt keinen Bock mehr auf sie habe, mache ich den Rechner einfach aus. Ich brauche mich nicht mit den meinen eigenen Interessen zuwiderlaufenden Bedürfnissen von Freunden auseinanderzusetzen, denn ich kann einfach mal für längere Zeit nicht da sei, weil ich nicht online gewesen bin.
Besucht mich ein Freund und will mir von seinem Liebeskummer erzählen, dann werde ich, wenn ich eine gute Freundin bin, ihn kaum wieder wegschicken. Dann gehe ich halt den Abend nicht laufen und lege mich nicht mit Grünkerntee früh ins Bett, sondern mache den Rotwein auf und höre mir den Abend und die Nacht über an, was los ist. Das mache ich höchstens dann nicht, wenn ich am nächsten Morgen um sieben den wichtigsten Termin meines bisherigen Lebens habe und dafür tatsächlich sehr ausgeruht und gut vorbereitet sein muss. Wenn mein Freund ein guter Freund ist, wird er dann auf den Rotwein verzichten und mir bei einem Glas Grünkerntee nur kurz erzählen was Sache ist und sich dann verabschieden, nachdem wir uns für das Wochenende zu einer ausführlichen Version verabredet haben. Solcherlei Interessenausgleich muss im virtuellen Raum nicht stattfinden.
Dort gibt es dann stattdessen ganz viele, denen ich meinen so schlimmen Liebeskummer mitteilen kann und ich kann mir dann einbilden, dass mich alle gaaanz lieb haben, weil sich alle das „anhören“ und sagen „Ach nein, wirklich? Du Arme!“ Das eben tippen hat vielleicht zehn Sekunden gedauert. Ich mache es gleich noch einmal: „Ach nein, wirklich? Du Arme!“ So. Jetzt habe ich schon wieder vergessen, warum ich wem hier gerade mein Mitgefühl habe zukommen lassen, aber am anderen Ende fühlt sich jemand gaaanz doll in den Arm genommen. Meine mangelnde Erfahrung mit Internetforen führt dazu, dass ich die an dieser Stelle üblichen Emoticons hier leider nicht einfügen kann.
Jedenfalls fühlen sich aufgrund dieses minimalen emotionalen und zeitlichen Aufwandes am Ende alle ganz furchtbar gut: Die „Freunde“ fühlen sich gut, weil sie so gute Menschen sind und so mitfühlend reagiert haben und der zu Bemitleidende fühlt sich gut, weil so viele Menschen seinen Kummer teilen. Ist mir schlecht!
Einer von diesen Bemitleideten aus dem Internet, der unfreiwillige Exfreund, hat jetzt gesagt, er will „ins Leben zurückkehren“ (sehr unappetitliche Vorstellung) und das macht er mit ordentlich Suff am Nordseestrand und Tausende von seinen „Freunden“ machen mit. Toll. Schon da wüsste ich nicht so genau, warum ich damit solidarisch sein sollte.
Jetzt nennen die das Ganze auch noch Flashmob. Soweit ich weiß, war das mal eine Bezeichnung für kurze, dezentral organisierte Zusammentreffen von Leuten, die ein Zeichen gegen Konformitätsdruck setzen wollten, man denke nur an den Pillow Fight Day oder an Silent Disco in Victoria Station. Irgendwie will für mich die Vorstellung von Massen von Menschen, die irgendwo hinfahren, um was zu konsumieren, nicht so richtig zum antikonformistischen Ethos des Flashmob-Konzepts passen.
Das gab es ja vor einiger Zeit auch schon einmal in der ganz doofen Version: Tausende von Menschen fahren in Berlin zu einer Fastfoodfiliale und bestellen (und bezahlen) ganz viele Burger auf einmal. Was ein revolutionärer Akt, den kann man auch immer beobachten, wenn ein Modedesigner mal was für H&M entworfen hat.
Mein Radio hatte dazu passend einen O-Ton für mich, in dem einer der Feiernden in Westerland sinngemäß sagte, jetzt sei einmal Schluss mit den ganzen Millionären auf Sylt, jetzt mache das Volk mal was Neues. Himmel hilf! Das Volk säuft, das war ja noch nie da! Das hat ja schon Montagsdemonstrationsformat, was sage ich, das gleicht ja schon dem Einsatz der Demonstranten in Peking vor zwanzig Jahren. Wenn irgendjemand noch nicht glauben will, dass Drogen systemstabilisierend wirken, der hat jetzt ein Beispiel.
Der Gipfel der Protestkultur ist aber jetzt damit erreicht, dass sich das Internetz mit Solidaritätsbekundungen und -aufrufen quasi selbst überbietet. Wenn also der unfreiwillige Exfreund jetzt tatsächlich diesen fünfstelligen Eurobetrag an Westerland bezahlen muss, dann sammeln alle für ihn, damit er auch bezahlen kann. Die revolutionären Garden kommen mit eigenem Vermögen dafür auf, dass der Unterdrücker das Geld für die Unterdrückung von den Unterdrückten in die Kasse bekommt. Das ist doch der Beweis, dass Lenin recht hatte, als er gemutmaßt hat, dass die Deutschen eine Bahnsteigkarte kaufen, ehe sie einen Bahnhof besetzen.
Allerdings: Der aktuelle Einsatz des unfreiwilligen Exfreundes in seiner virtuellen Community steht unter dem Motto „Alle Mann zum Verwaltungsgericht, wir gewinnen den Prozess“. Das habe ich allerdings auch schon einmal gehört, dass Gerichte im „Rechtsstaat Deutschland“ (Peter Hahne) Entscheidungen aufgrund der Zuhörerzahl fällen. Das steht, soweit ich weiß, in der Verwaltungsgerichtsordnung: Wenn gaaanz viele Leute kommen, um einen Prozess anzusehen, dann weint der Richter und entscheidet für denjenigen, den diese Leute gaaanz doll lieb haben. Allein eine solche Vorstellung von der Judikative gehört eigentlich mit Entzug der Fahrerlaubnis bestraft. In diesem Sinne: Ho Ho Ho Chi Minh!
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Herrschaften,
gestern Abend war ich zu Gast bei SKAM und habe die Premiere von Empire St. Pauli gesehen. Der Film hat schon vorab den Dokumentarfilmpreis bekommen. Wie ich finde, ist er zu Recht ausgezeichnet worden, wenn ich mich auch frage, ob dies nicht aus den falschen Gründen geschehen sein könnte: Der Film funktioniert im interaktiven Dokumentarfilmmodus, verfolgt also keine stringente These oder Beweiskette, sondern betont den Austausch des Filmemachers mit seinem Gegenstand. Indem er sich – wie die meisten Dokumentarfilme in diesem Modus – primär auf Interviews verlässt, entsteht eine letztlich doch recht klare Personifikation des Phänomens Gentrifizierung, in der die Vertreter der Behörden und Bauunternehmen die Bösen, die aus ihren angestammten Revieren verdrängten „alten“ St. Paulianer die Guten sind. So gerät der Film letztlich doch irgendwie zum nostalgischen Schwanengesang über die putzig-skurrilen „Ureinwohner“ des Viertels und ich meine, hierin liegt auch einer der Gründe dafür, dass die Landeszentrale für politische Bildung, die den Preis stiftet und in der Jury saß, ihn preiswürdig findet. Kritik ist immer leichter als Selbermachen und ich weiß auch nicht, wie man es anders machen kann. Letztlich ist ja die Personifikation sozialer oder politischer Phänomene ein extrem effizientes Mittel ihrer Sichtbarmachung. Nicht nur insofern, sondern auch deshalb, weil der Film einen hohen Unterhaltungswert hat, empfehle ich dringend, ihn anzuschauen. Es gibt ihn auf DVD zu kaufen und er wird in den nächsten Wochen im Lichtmeßkino und später dann auch im 3001 gezeigt.
Es gibt ja mittlerweile eine recht gut sichtbare Bewegung gegen Gentrifizierung, wobei ich mich ehrlich gesagt frage, was es bedeutet, „gegen Gentrifizierung“ zu sein, das klingt mir doch sehr nach „gegen Globalisierung“ sein. Bei beiden Phänomenen wird, denke ich, durch das hohe Abstraktionsniveau, auf dem Opposition sich begründet, die Wirksamkeit des Protests doch nicht unerheblich beeinträchtigt. Gerade in Fragen der Globalisierungskritik frage ich mich immer, wie das gehen soll, dass man Globalisierung ablehnt. Mir erscheint Globalisierung vielmehr ein reines Faktum unseres Lebensumfeldes zu sein, von dem ich mir nicht sicher bin, dass ich es gut oder schlecht finden kann. Was ich hingegen sehr schlecht finde, ist, dass auf Kosten des Klimas Handelswaren ständig rund um den ganzen Globus geflogen und gefahren werden oder dass zum Beispiel in Bangladesh Arbeiterinnen verprügelt werden, um aus ihnen ein Maximum an „Leistung“ herauszuholen. Das hat aber meiner Meinung nach nicht sehr viel mit „Globalisierung“ zu tun, das hat vielmehr etwas damit zu tun, dass die planetare Substanz ebenso wie die am Produktionsprozess beteiligten Menschen als ökonomisch verwertbare Ressourcen aufgefasst und nach eben diesen Maßstäben behandelt werden.
Bei der Gentrifizierung von Stadtvierteln scheint mir ein hiermit parallelisierbarer Mechanismus abzulaufen: Die gewachsene kulturelle Struktur interessanter, weil nicht als Neubaugebiete am Reißbrett geplanter, Stadtteile wird als ökonomisch verwertbare Ressource aufgefasst, die durch Stadtentwicklungsprojekte so gut wie möglich ausgebeutet werden muss. Dabei ist gegen Stadtentwicklung ja zunächst einmal überhaupt nichts einzuwenden: Die Menschen, die in Hamburg immer neu dazu kommen, müssen auf engerem Raum untergebracht werden als bisher. Die Alternative ist eine weitere Ausbreitung in die Fläche, die zum einen nicht unendlich zur Verfügung steht und die zum anderen Folgeprobleme mit sich bringt, denn die Menschen, die weit weg vom Stadtkern wohnen, müssen ja dann mit öffentlichen oder privaten Transportmitteln zu den unterschiedlichsten Zwecken wieder in die Stadt hinein befördert werden. Vom Grundsatz ist also gegen eine Verdichtung urbaner Bebauung überhaupt gar nichts zu sagen.
Das Problem, das mich interessiert, ist vielmehr die Wechselwirkung zwischen dem Gentrifizierungsprozess und so etwas total anachronistischem wie Gemeinsinn. Für mich stellt sich der sozialpsychologische Prozess in etwa wie folgt dar: Der wohlhabende Teil der Bevölkerung langweilt sich sehr in seinen sauberen und unter Einsatz von viel persönlichem Vermögen hergestellten suburbanen Lebensumfeldern. Weil er sich so langweilt unter sich und seinesgleichen geht er dorthin, wo es interessanter ist, nämlich in die urbanen, etwas heruntergekommenen Teile der Stadt, in denen Migranten, Kulturschaffende und andere weniger Wohlhabende das tun, was sie mit den Mitteln der aufgrund der zu ihren Ungunsten abgelaufenen Vermögensverteilung können, nämlich leben und arbeiten. Der wohlhabende Bevölkerungsteil schlägt jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe: Er sieht, dass er für verhältnismäßig wenig Geld Lebensumfeld und interessante Kulisse einkaufen kann. Kapitalismus, Angebot und Nachfrage, etc. Anschließend stehen wir vor einer neuen Situation: Der weniger wohlhabende, aber interessante Teil der Bevölkerung kann sich das Wohnen und Arbeiten in seinem bisherigen Lebensumfeld nicht mehr leisten und wird in die Randbezirke gedrängt. So entsteht urbanes Leben als Themenpark so wie „Leben im Grünen“ vorher als Themenpark von Suburbia fungiert hat.
Was bestehen bleibt, sind die sozialen Trennungen: Niemals nicht in diesem gesamten Prozess kommt es zu tatsächlichen Berührungen, zu echtem Austausch zwischen den Bevölkerungsteilen auf unterschiedlichem Wohlstandsniveau. Die „Ghettos“ verändern sich geographisch, sozial bleiben sie bestehen. Wie aber soll es im Interesse der wohlhabenden Teile der Bevölkerung liegen, zu einem sozialen Ausgleich beizutragen, wenn diejenigen, denen dieser zu Gute kommen könnte, für ihn nie wirklich sichtbar werden außer vielleicht als skurrile Bestandteile der urbanen Kulisse, in die er sich einkauft? Wenn „der Staat“TM für soziale Angelegenheiten Steuergelder aufwendet, bleiben diese vollkommen abstrakt, wenn ich jedoch dafür Sorge trage, dass in meiner Nachbarschaft die Sozialwohnungen instand gehalten werden, sieht das schon wieder ganz anders aus. Insofern ist ein Film wie Empire St. Pauli Fluch und Segen zugleich: Er trägt zur Sichtbarmachung bei, kann aber gleichzeitig zu einem Teil der Kulisse werden. In diesem Sinne: Hoch die Situationistische Internationale!