Wie war das noch mit der Politik

Herrschaften,

in Blogs, die meinem Herzen nahe stehen, ist in letzter Zeit die Rede gewesen vom System. Das Lichterkarussell stellt fest, dass wir alle Kapitalismus sind und dass mehr Veganer wahrscheinlich besser für die Welt sind als weniger, aber am Ende unsere Probleme auch nicht lösen. Der magische Blogger meint, dass es einiges für sich hätte, global zu denken und lokal zu handeln. Ich stimme allen beiden zu in fast allem was sie so schreiben. Nur stellt sich doch die Frage, warum die Verhältnisse eigentlich so sind wie sie sind.

Ich denke, es hat etwas mit der Einkaufsbeobachtung zu tun, die ich neulich gemacht habe. Im Supermarkt, also im eher hochpreisigen, nicht beim Discounter, stand vor mir eine Person in der Kassenschlange und kaufte etwas ein, das ich wohl getrost als Wocheneinkauf bezeichnen kann. Darunter viele Produkte der Hausmarke mit dem lebensfrohen Grundton. Dabei war vieles, was wohl als Grundnahrungsmittel gelten kann: Plastikcontainer mit Krautsalat, Milch, Eier, Brot, sowas halt. Dazu aber Markenprodukte aus dem Conveniencebereich: TK-Pizza, Fruchtgummi von dem Horst aus Bonn und Chips, die früher Bahlsen hießen. Das war jetzt ganz bestimmt kein schlimm unvernünftiger Einkauf zu einer ganz schlechten Ernährung und von Fettleibigkeit konnte auch keine Rede sein. Mir fiel jedoch ein anderes Missverhältnis auf: Es wurde verhältnismäßig viel Geld ausgegeben für komplett verzichtbare Produkte. Ich meine, kein Mensch braucht tatsächlich eine Kioskpackung Fruchtgummischnuller. Kombiniert wurde dies mit den billigsten Bratwürstchen vom ärmsten Mastschwein und ebensolchen Eiern. Also nicht die Eier vom Mastschwein, sondern vom ärmsten Huhn. Klar.

Das ganze Gerede von wir würden unsere Lebensmittel nicht wertschätzen und wir würden zu wenig Geld für unser Essen ausgeben wollen, das Fernsehköche und Foodwatch so von sich geben, erschien mir in dem Moment komplett absurd. Es wird vielmehr eine Menge Geld für Essen ausgegeben, scheint mir, aber nur für das, was uns diese ganzen guten Gefühle machen soll, die wir offensichtlich so dringend brauchen.

Ein Ei jetzt, das hat und macht einfach nicht genügend eigene Identität. Ein Ei ist ein Ei und es ist ein echtes Lebensmittel. Eine Tüte Chips ist eine Wärmepackung für die Psyche, kein Mensch braucht physiologisch gesehen eine Tüte Chips. Das heißt nicht, dass niemand nie nicht mehr Chips essen soll, aber es heißt, finde ich, schon, dass derjenige, der behauptet, er habe kein Geld für solche Lebensmittel, für die Tiere keine übermäßigen Qualen leiden mussten, mir bitte erstmal seinen Einkaufswagen vorzeigen soll. Ich möchte gerne wissen, wofür wir genau Geld ausgeben und wofür nicht.

Und es heißt auch, dass wir es wahrscheinlich nur schwer schaffen werden, größere Teile der hiesigen Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es grundsätzlich eine gute Idee wäre, auf Eier aus lokaler und kleinerer Produktion umzusteigen, weil nämlich das Ei dann genauso aussieht wie ein billiges und (machen wir uns nichts vor) für die meisten von uns auch noch extrem ähnlich schmeckt. Das Beispiel lässt sich beliebig übertragen: Ein Girokonto ist ein Girokonto, die meisten merken wenig davon, mit welchen Diktaturen ihre Bank sonst noch so Geschäfte macht. Schlimmer wird es bei den konkret sichtbaren Identitätsstiftern, den textilen etwa. Jede weiß, dass das T-Shirt vom schwedischen Großunternehmen aus Bangladesh kommt und falls sie es vergessen hat, steht es auch noch drin und dass die Näherin eines Sieben-Euro-Shirts keinen Mindestlohn bekommen hat, dürfte den meisten wohl klar sein. Der Euphemismus ist so krass, dass er absurd ist, ich weiß.

Ich habe also den unbestimmten Verdacht, dass wir für alles Geld auszugeben bereit sind, was uns einen positiven Effekt für unser Gefühl davon verspricht, wer wir sind. Der Loha hat’s halt gern, wenn auf seinen Linsen oder seiner Ingwer-Karottensuppe aus dem Becher ein Biosiegel drauf ist. Einem anderen wird warm ums Herz, wenn er sich die im Fernseh beworbene Pizza reinzieht. Wo ich dabei das Problem sehe? Dabei, dass wir, solange wir uns nicht bewusst darüber sind, dass wir mit jedem Konsumvorgang bestimmen, wer wir sind, nicht merken, wo das eigentliche Problem mit unseren Konsumentscheidungen liegt.

Und da widerspreche ich dem von mir ansonsten hochgeschätzten magischen Blogger: Der Mensch ist weder zu träge noch zu wenig willig, seinen Konsum nach der Vernunft oder gar seinem politischen Willen auszurichten. Er schafft es in den meisten Fällen einfach deshalb nicht, weil er nicht aufgeben will, und kann, was er ist.

Identität und das persönliche Leben als politische Praxis sind in der Marktökonomie aufgegangen. Die wiederum ist so umfassend, dass sie kaum mehr hinterfragt werden kann und damit zur gefährlichsten aller Ideologien geworden, zu einer, die den Blick darauf verschleiert, dass sie eine Ideologie ist. Und so gesehen ist alles Reden über die Selbstsüchtigkeit des Menschen eine astreine Fortschreibung eben dieser Ideologie. Im Grunde können wir nur hoffen, dass der Big Bang (peak oil jetzt und so) früher kommt und nicht später, damit wir uns bis dahin noch handlungsfähige politische Strukturen erhalten haben. Oder zumindest Reste von ihnen. Politik heißt schließlich immer nur Entscheidungen treffen.

Ich denke, dass es in diesen unseren Zeiten wohl darum geht, dass wir den Menschen und seine Identität wieder von seinem Konsum entkoppeln. Wir müssen aufhören, den ewigen Sermon vom Spaß durch Konsum nachzuplappern und dass es ja total “freudlos” ist und einer ein Eremit werden müsste, um tatsächlich nicht mehr Teil des Systems zu sein. Wir müssen endlich aufhören, Menschen nach ihrer Vermarktbarkeit oder auch nur nach der Vermarktbarkeit ihrer Fähigkeiten zu beurteilen. Ein Kulturschaffender, um es herunterzubrechen auf ein Thema, das mich am meisten interessiert, hat nicht nur dann eine Existenzberechtigung, wenn er sein Werk verkaufen kann und eine Philosophin muss nicht von jedem verstanden werden. Wir dürfen ihr trotzdem eine Stelle an einer Universität geben, denn wir wissen ja heute noch nicht, wozu es einmal gut sein wird. Denken auf jeden Fall kann dank Internetz ohne Schaden für das Weltklima um selbiges geflogen werden. Eine “Bio”-Mango kann das nicht.

In diesem Sinne und um es mit einer von mir geschätzten Autorin zu sagen: Vorwärts! Lasst uns Sachen so entscheiden, dass sie dem Markt widersprechen.

Warum ich laufe

Herrschaften,

letztens las ich mal was über die Motive von Frauen, die Sport treiben. Vieles scheint hier getan zu werden, um den eigenen Körper ästhetisch zu optimieren. Eine befreundete Läuferin hingegen behauptet neulich, sie laufe um Spaß zu haben. Das finde ich sehr lobenswert, scheint mir aber doch präzisierungsbedürftig. Immerhin: Spaß im engeren Sinne macht das Laufen mir nicht so häufig. Das kann man schon daran sehen, dass ich dabei meistens irgendetwas brauche, das mich unterhält, also eine neue Strecke, einen netten Mitläufer oder ein mp3-Unterhaltungsprogramm.

Seien wir ehrlich: Laufen ist mühsam, tut manchmal weh und bringt einen in unangenehme Nähe von Menschen, die ihre Hunde nicht erzogen habe. Warum also tue ich es dennoch?

Vielleicht hilft ein Blick auf meine Anfänge. Vor so etwa sechs Jahren hatte ich mit einem Mal keinen Spaß an Zigaretten mehr. Zur gleichen Zeit habe ich angefangen zu laufen, immer brav um den See im Park herum und mit fast implodierter Lunge, so am Anfang jedenfalls. Und das aus den gleichen wie ich meine falschen Gründen, die der Guardian beschreibt: Ich hatte Angst zuzunehmen. Aus Angst macht man aber eigentlich gar nichts und ich bin dennoch dabei geblieben. Es muss also andere Gründe geben und ich muss, denke ich, weiter zurückgehen, um es zu erklären. Als ich in die Schule ging, war ich nicht gerade eine Nulpe im Sport, aber ich war andererseits auch groß, ein bisschen ungelenk und hatte keine sportlich ehrgeizigen Eltern. Bei den Disziplinen, in denen ich meine langen Gräten kontrollieren musste oder in denen die Kleinen und Leichten die Nase vorn hatten wie Geräteturnen, Sprint und Weitsprung, habe ich also keinen Stich gesehen. Auszuweichen auf die mehr technischen Disziplinen wie Hochsprung, Kugelstoßen und eben die Mittel- oder Langstrecke, war damals deshalb schon der Weg zum wenigstens einigermaßen respektablen sportlichen Dasein. So gesehen war es logisch, dass ich, als ich wieder anfing, sportlich aktiv zu sein, da wieder angefangen habe, wo ich aufgehört hatte. Das konnte ich schon, da kannte ich mich einigermaßen aus.

Mittlerweile haben sich jedoch auch ganz konkrete Vorteile herauskristallisiert. Zum ersten ist es mir unmöglich, irgendeine Sportart zu betreiben, die von mir verlangt, dass ich regelmäßig an ein- und demselben Ort erscheine. Ich habe nichts gegen Disziplin und gegen regelmäßiges Training erst recht nicht. Im Gegenteil. Ich bin Geisteswissenschaftlerin, ich weiß, wie wichtig die konsequente Beschäftigung mit einer Sache ist, wenn man was einigermaßen sinnvolles mit ihr machen will. Ich kann nur schlicht nicht damit umgehen, dass jemand anderes mir sagt, wann diese Zeit und dieser Ort ist. Wenn ich dann das Training in der Gruppe einmal versäumt habe, kommt bei mir extrem schnell der Punkt, ab dem die Sache im Sande verläuft. Ich bin disziplinierter, wenn ich die einzige bin, die mich kontrolliert. Versucht das jemand anderes, ist es vollkommen egal, wie viel Lust ich auf die Sache an sich habe, allein die Fremdkontrolle lässt mich faul und unzuverlässig werden. Laufen ist in diesem Sinne ideal. Ich laufe viermal in der Woche, ich kann also das Training hin- und herschieben wie ich will. Wenn ich morgens keine Lust zum Laufen hatte, mache ich es eben am Nachmittag und das mache ich garantiert, wenn ich nur mir selbst Rechenschaft schulde, siehe oben.

Sehr fremdbestimmt bin ich hingegen, wenn es um Konkurrenz geht. Ich kann nicht einmal beim Training im Park vollkommen locker einen schnelleren Läufer an mir vorbeilaufen lassen. Okay, das stimmt nicht mehr. Ich bin gelassener geworden, aber leicht fällt es mir nicht immer. Wir leben in konkurrenzintensiven Zeiten. Leider konkurrieren Frauen häufig auf Feldern, die ihre Weiblichkeit zum zentralen Punkt ihrer Identität machen und ihre Menschlichkeit zurücktreten lassen. Sie wollen den gängigen Schönheitsidealen besser entsprechen, die sauberere Wohnung haben und den charmanteren Mann an ihrer Seite. Ich würde ja dafür plädieren, dass wir um Leistungen in allen Bereichen konkurrieren, in denen Männer auch konkurrieren, und es ansonsten lassen. Sport gehört für mich ganz eindeutig dazu. Jetzt kann ich nicht wirklich mithalten, aber dennoch: Bei Jedermannwettkämpfen, die, die schon einmal dabei waren, werden das kennen, gibt es in jeder Altersklasse eine Spitzengruppe, also die, die auf zehn Kilometer unter 45 Minuten laufen, bei denen laufe ich nicht mit. Das wird wohl auch in diesem Leben nichts mehr werden. Aber immerhin kann ich, obwohl ich erst seit kurzer Zeit überhaupt Wettkämpfe laufe, vorn im Schneckenfeld mitlaufen und auf diese Weise zumindest meine persönlichen Leistungen verbessern. Ich hab also durchaus was für Konkurrenz übrig, auch wenn gerade festgestellt worden ist, dass wir mit Schimpansen gemeinsam haben, dass wir kooperative Tiere sind.

An meine primitiven Wurzeln geht noch ein ganz anderer Aspekt des Laufens: Ich laufe einfach. Dabei denke ich in der Regel nicht. Okay, manchmal beschäftigen mich konkrete Probleme, die ich beim Laufen mit mir ausdiskutiere, aber normalerweise laufe ich und schaue dabei. Bäume an und Vögel, andere Läufer und vor mir auf den Boden. Dabei die selbsterzeugte Geschwindigkeit zu spüren ist wesentlich besser als jeder Geschwindigkeitsrausch mit automobilen oder anderen mechanischen Hilfsmitteln, obwohl die auch nicht schlecht sind. Beim Laufen fühle ich mich fähig. Fähig zumindest eine längere Zeit so zu laufen wie es in meinem Körper vorgesehen ist, eine Strecke zurückzulegen. Und es macht mich stolz. Stolz auf mein System, das mich das machen lässt. Das ist vielleicht eine billige Befriedigung, aber sie ist es, die mich weitermachen lässt, Angst um Gesundheit, Schönheit oder sonstwas gehört nicht zu den guten Motivatoren.

In diesem Sinne: Rennen, nicht laufen!

day 4 – the book you hate

Herrschaften,

habe ich neulich gesagt, die Entscheidung, welches mein Lieblingsbuch sei, sei die schwerste, die ich hier zu treffen hätte? Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Für die Rubrik, die hier in Frage steht, gibt es natürlich jede Menge offensichtlicher Kandidaten. Da wäre zunächst einmal alles, was dem Aquarellisten aus Braunau am Inn bei der Befestigung seiner Macht geholfen hat. Dann natürlich das “meistverkaufte Buch aller Zeiten” und andere religiöse Schriften, mit deren Hilfe die Menschen dazu bewegt werden, ihr blödes, kleines Erdenleben als blöd und klein zu akzeptieren. In die gleiche Kategorie fallen sämtliche esoterischen Versuche, die Menschen mit pseudowissenschaftlichen Abhandlungen wieder hinter die Aufklärung hin zurückzuverdummen. Was alle diese offensichtlichen Kandidaten gemeinsam haben ist jedoch, dass sie erstens nicht in meinem Bücherregal vorkommen und dass zweitens jede Auswahl eines einzelnen den Ausschluss vieler bedeuten würde, die ebenso hassenswert wären.

Dazu kommt noch folgendes: Ist nicht Hass, wenn man ihn ernst nimmt, eine Emotion nahe an Zuneigung, die Kehrseite der Liebe sogar? Zu dieser Art von emotionaler Intensität werde ich von keinem dieser weltanschaulich verabscheuungswürdigen Texte bewegt. Welche Texte also mag ich wider Willen oder welche Texte halte ich für wichtig, obwohl ihre Lektüre mich mit Abscheu erfüllt? In dieser Kategorie gibt es eigentlich nur einen einzigen Roman, nämlich American Psycho von Bret Easton Ellis.

Warum ich ihn hassenswert finde, brauche ich wohl kaum zu erklären. Seine minutiös-voyeuristischen Schilderungen von sexuell-sadistisch motivierten Morden erklären das eigentlich von selbst. Nun ist es aber überraschender Weise so, dass diese Schilderungen nur den kleinsten Teil des Texts ausmachen. Zudem hat Bret Easton Ellis diese Schilderungen – wenn man denn seinen Interviewaussagen glauben darf – nicht einmal selbst erfunden. Sie sollen alle aus FBI-Akten über reale Frauenmörder stammen, während des Schreibens soll Ellis die entsprechenden Manuskriptstellen zunächst leer gelassen haben, um sie später mit diesem Material zu füllen. Das macht es natürlich nicht besser, ob es wahr ist oder nicht. Der Roman spielt mit dem Ekel und der Faszination, die diese extreme Gewalt ausübt. Die Tendenz ist nur allzu menschlich: Egal wie abstoßend wir es finden, wir sehen hin. Wir mögen natürlich nicht, dass wir in dieser Art und Weise manipuliert werden, da bin ich ganz bestimmt keine Ausnahme. Wenn man sich zudem noch die perfide Art und Weise ansieht, mit der die Szenen in den Text eingebettet sind, bin zumindest ich sprachlos vor soviel kompositorischer Unverfrorenheit: Hier wechseln sich Pornographisches und Gewalttätiges so schnell ab, dass der Leser quasi mit Hose runter kalt erwischt wird. Ich weiß nicht, wie diese Lektüre auf Männer wirkt, mich hat sie verstört. Ich war ganz konkret physiologisch verunsichert nach dem Lesen von American Psycho.

Damit aber hört es ja lange noch nicht auf. Der weitaus größere Teil des Romans besteht aus unglaublich langweiligen Aufzählungen von Markenprodukten, in Restaurants bestellten Gerichten und Drinks. In der Rückschau ist es beinahe schwer entscheidbar, was von beidem schwerer auszuhalten ist: Die nervtötende Langeweile bei der Aufzählung dessen, was alle anhaben oder der Schrecken bei der Beschreibung von Mord und Folter. Und genau da hat einen der Roman an einer Stelle, an der man nicht gehabt werden möchte.

Wenn man American Psycho ganz und einigermaßen reflektiert liest, wird man in eine Haltung hineingezwungen, in der man froh ist, dass die langweilige Eintönigkeit unserer Konsumkultur durch etwas Sensationelles unterbrochen wird. Diese Haltung ist aber dem normalen Konsum von Serienmördergeschichten und anderen medial ausgeschlachteten Grausamkeiten so ähnlich, dass man Ellis’ Text ganz genau wie jeden anderen Thriller lesen kann.

Indem außerdem die Hauptfigur Patrick Bateman die einzige Perspektive auf das Geschehen ist, die wir als Leserinnen bekommen, wird unsere Sympathie zudem in seine Richtung gelenkt. Einer meiner Studenten meinte sogar einmal, man identifiziere sich mit Bateman. Das kann ich nun aus meiner Lektüre nicht bestätigen, aber ich glaube, dass das möglich ist. Das glaube ich schon deshalb, weil Christian Bale, als er für seine Rolle in Mary Harrons Filmadaption recherchiert hat, mit Wall Street-Typen gesprochen hat, die den Roman als Stilhandbuch nehmen und nicht merken, dass der Roman genau den Lebensstil verspottet, den er beschreibt.

Das ist nun aber gerade kein Grund, ihn für misslungen zu halten. Gerade die prekäre Nähe demonstriert besser als jeder andere Text zum Thema, den ich kenne, wie die medialisierte Gewalt in unseren Konsumgesellschaften funktioniert und gegen wen sie sich richtet: Frauen, Homosexuelle oder sozial Schwache, sogar Kinder: eines von Batemans letzten Opfern ist ein kleiner Junge im Zoo. So ist der Roman, das ist nicht zu leugnen, misogyn, homophob, rassistisch und alles andere, was ihm vorgeworfen wird. Er demonstriert aber auch, dass diese Haltungen der Logik unserer auf möglichst rücksichtslose Selbstverwirklichung ausgerichteten konsumkapitalistischen Gesellschaften vielleicht nicht notwendigerweise entspringen, aber doch von ihnen befördert werden und in ihnen sogar erwünscht sind. Damit gibt der Text ein zwar vielleicht krude zu nennendes aber wichtiges und relevantes politisches Statement ab.

American Psycho ist deshalb für mich ein wichtiger Text, ich bin froh, dass er geschrieben worden ist. Ich würde dennoch niemals jemandem empfehlen ihn zu lesen, Fay Weldon hat das für uns alle getan und viele wahre Dinge über ihn gesagt. Wie viele ähnlich funktionierende Artefakte, Michael Verhoevens Starship Troopers-Adaption zum Beispiel, erreicht er vor allem diejenigen, die er nicht mehr überzeugen muss. Auch deshalb kann ich den Text nicht leiden: Er sagt denen, die ihn missverstehen nicht, dass das so ist, so hasse ich tatsächlich American Psycho, obwohl ich ihn gut, wichtig und richtig finde. Wie Verhoevens Film ist er ein Text, der über sein Publikum mehr enthüllt als über seinen direkten Gegenstand.

In diesem Sinne:

Ach so: Ja, ich habe mich entschieden, wieder auf Deutsch zu schreiben, es wird mir sonst alles zu unlustig.

day 3 – your favourite book

Now, this is definitely the toughest of all decisions on the list. First problem: What is the most important criterion for this decision? Shall I chose the book which I have read most often? Christine Nöstlinger‘s children’s and youths’ books would probably struggle for the top positions there. They would also be in top positions as far as their helpfulness is concerned. If, as A. L. Kennedy has claimed recently, the arts are “part of what gets us through the day, especially in the harshest of times”, then Nöstlinger’s words got me through most of my troublesome childhood and adolescence. My everlasting thanks for that. On the other hand, my childhood and youth days are long gone now. I have neither thought about nor touched any of her books in a long, long time. They seem to have lost their significance and it is a good thing that they have. Who would want permanent adolescence?

Should I perhaps honour my profession by chosing something aesthetically valuable or culturally significant by some common standard? Salman Rushdie’s The Moor’s Last Sigh, for instance? Should I choose something which has a particularly important political dimension, such as Virginia Woolf’s A Room of One’s Own? I feel that these aspects – valid and important as they are and however much I love both books – are too devoid of emotion to base my judgment of my favourite book on them.

So, how to define one’s favourite book? I think I should perhaps choose something which represents aspects of literature that I appreciate the most. Therefore, it must be a combination of interesting thoughts about culture and society, it must be humorous, and it must contain things which are important as far as my personal, everyday life is concerned and therefore… tada… the prize as my favourite book goes to Sven Regener‘s Herr Lehmann, translated into English as Berlin Blues. Before the publication of Herr Lehmann, Sven Regener had been notorious as the singer of the German band Element of Crime and if I had not been given the novel as a present – I cannot remember by whom – that alone would have been reason enough for me to avoid it.

I have a long-standing and deeply rooted aversion against all kinds of music with what I like to call singer-songwriter-appeal. The only exception from this rule which is kind of shameful to admit is the thing I have with Sheryl Crow or, recently with the fabulously talented and extremely beautiful Holly Golightly, no shame in that, of course. I simply demand of music that it kicks something and Element of Crime make the kind of music which kicks nothing but which sits down with you for a thoughtful exchange of arguments. Too little energy in that for my taste. Therefore, the provenance of Herr Lehmann would normally have been enough to put me off reading it.

But since I am very easily convinced by the power of facts, I often read books simply because they are there. So, if someone wanted to really annoy me, they would just have to give me a book as a present I will hate: I will read it anyway and be annoyed with it for a very long period of time. It is much more effective in order to wind me up than anything which anyone could say to me. Fortunately, it is quite unpredictable what kind of book I’m going to hate.

In the case of Herr Lehmann, however, I am glad that the book came to me, because it turned out one of my all-time favourite reads. As far as my criteria are concerned, I am still convinced that it is the book of what is called die Wende in Germany, i.e. the fall of the Berlin Wall and the subsequent political development. As far as I am concerned, it is what literary critics in Germany have been demanding of German authors for decades now: THE novel about the fall of the Berlin Wall, if from a slightly twisted, because not so much concerned with world politics, perspective.

It portrays quite accurately how unimportant the event itself was to most people of my generation in Western Germany. Days before Schabowski more or less accidentally granted freedom of travel to the people of the GDR, nobody had thought that they would ever open their borders, let alone cease to exist as quickly as the GDR did. That it ceased to exist without serious consideration whether there were parts of it worth preserving is one of the big scandals in German postwar history and I attribute that scandal at least partly to the lack of interest in the Eastern German political situation in most of the Western German population. We knew that there was something called real existierender Sozialismus and we also knew that it meant severe restrictions to large parts of the East-German population, but we just did not care.

To say this is quite certainly an over-generalization of the state of Western German affairs in the late 80s, but I think that there is a deeper truth to it. Federal Republic Germans born after the erection of the Berlin Wall just grew up with the notion of two German states. We did not see the existence of the GDR as an irregularity, on the contrary: It was normal to us. We even accepted the awkward status of West Berlin as given, found it convenient even: You could relocate there if you wanted to evade military service, the sub-cultural scene was legendary, life was cheap, you could just exist in Berlin, if you had no idea what else to do with your life. Berlin was an island in the middle of Germany without what made life in Germany unbearable for rebellious youths: a sense of purpose, efficiency, and a plan. Germans are very fond of having a plan, in Berlin you did not need one if you did not have any without being a social outcast.

Herr Lehmann captures this kind of attitude to life quite accurately. It even manages to convey a sense of its danger: It juxtaposes Frank Lehmann, who is quite content living a life without ambition, with his best friend Karl who aspires to be a sculptor and suffers a breakdown when he has his first exhibition, because he cannot bear the notion of getting actual feedback on his work. The novel, via the psychiatrist who treats Karl, says that you can live a life without any notion of purpose if you have the stamina. One of the key scenes of the novel is the first encounter between Frank and his love interest, “the beautiful cook”, in which they argue about whether time passes more slowly or more quickly when you are drunk. This type of quasi-philosophical rambling is quite typical of the novel and what makes it so hilarious.

Towards the end, whan Frank turns 30 on the same day the Wall is open, everyone first finishes their drinks in the pub and then decide that they will go and see what is going on at the border crossings. The way I see it, this kind of self-absorbed attitude to what has retrospectively turned out to be a massive turning-point in European history is typical of reactions to die Wende. Besides, the novel also provides insights into urban everyday life in the 80s which are observed quite accurately and one of the best pub brawl scenes in German literature ever. What more can you ask?

day 2 – the book you are going to read next

There has been a sudden change of plan. I had wanted to read Nic Pizzolatto’s Galveston next. I have got no idea what to expect from that novel. It has been described as resembling Cormack McCarthy’s The Road and that is certainly a reason to look forward to it, if it is true. The book is particularly interesting to me, because it is a gift my parents gave me when they came back from New York. Not only have they been on a holiday trip somewhere decent, which is something which is fascinating to me in itself, but they also seem to start to understand that there is really no type of gift which I would prefer to a book. What is more, they seem to have let themselves be inspired by what the locals told them about which books might be worth reading. Utter mystery and a very pleasant one.

However, the plan had to be changed on short notice, as I am currently attending a seminar with English authors among whom is Helen Walsh with whom I instantly fell in love. I had heard of Brass but I had never been sure whether I wanted to read the book or not. Natasha Walter is quoted as calling the book “phantastically explicit” and that alone would be a good enough reason to take a look at it. After all, the female body is still a spectacle and the subversion or even aversion of the male gaze by the female subject starting to stare back is always an aim worth pursuing.

Moreover, as those of you who read some of my stuff probably know, I am an everlasting fan of what “international man of leisure” Irvine Welsh has done to literature and to Edinburgh in particular. Meanwhile, I feel slightly uneasy about the laddishness of his books. I like the fact how sarcastic and insightful his characters are in the earlier works. I even liked Crime and I really thought that that particular story (retired cop goes to the US and saves a little girl from a ring of child-pornographers) could never be told successfully. So, before I start rambling on about how much I like Welsh’s prose: What I appreciate about his early work in particular is his completely, as I see it, morally non-condemning way to write about drug use. I particularly like the bit in Trainspotting in which he lets Renton describe the effect of heroin closing with the remark, that “after all, we are not stupid. At least not that stupid.” I mean, if drugs did not have effects which are pleasant to people using them, nobody would, would they? It was high time that someone placed the benefits right where they belonged: directly beside the danger and misery of addiction. Neither one nor the other half can ever be a full fictional picture.

Yes, I know: I have also grown up hearing the horror stories about how one single dose of heroin would immediately make an addict out of you, but strictly speaking, I do not think that they can be true. Drugs of any kind and legal status are a – slight or more severe – poisoning of your body which has got side effects on your perception and/or body sensation. If you take one single dose of heroin and decide afterwards that this was a once in a lifetime experience and that you are not going to do it again, you could just go through with the detox and continue with your life. It is after someone has not gone through with this plan that the trouble starts. Whatever their reasons are.

Okay, before things get out of hand, let me return to my subject. Helen Walsh has also been described as a “female Irvine Welsh” and as I think that – despite being so much in favour of his work – he could use a dash of feminine point of view from time to time, Brass is incredibly tempting. Putting me off is just the fact that it has been called “extremely sexy” by Hugh Hefner’s magazine. Why is it that the male gaze has to ruin everything which is not properly insulated against it? The same kind of thing has happened with the empowerment inherent in the gender-performance of the first generation of punk women: It has become a strange kind of fetish which is used in mainstream pornography these days. Do we always have to be on the run if we want to subvert the male gaze? I suppose we have to be and I’m going to see whether Brass is indeed the crucial step ahead. I also hope that it is going to improve the situation of Liverpool as one of those underimagined places, that the novel can do for it what Alasdair Gray has been trying to do for Glasgow:

‘Because nobody imagines living here,’ said Thaw. […] think of Florence, Paris, London, New York. Nobody visiting them for the first time is a stranger because he’s already visited them in paintings, novels, history books and films. But if a city hasn’t been used by an artist not even the inhabitants live there imaginatively. […] Imaginatively Glasgow exists as a music-hall song and a few bad novels. That’s all we’ve given to the world outside. It’s all we’ve given to ourselves.’“ (Alasdair Gray, Lanark 243).

I think, Liverpool could do with some imaginative life of its own beyond the fab four. Now, here is lot to explore!

day 1 – the book you are currently reading

This one is of course the easiest of the questions I am going to answer over the next weeks. For me it has become even easier over the last ten years or something. I used to be one of those persons who start to read several books at a time, but I have pretty much stopped doing that. Therefore, at the moment, I read only two books: Roland Barthes’s Die Vorbereitung des Romans (German translation from French, I think it is The Preparation of the Novel in English) and Charles Dickens’s Bleak House.

I started a while ago on Barthes and I quite quickly finished the first part of the Preparations. It is a lecture series which, in reality, does not deal with writing a novel at all. Rather, Barthes discusses haikus and their ability to contain one strong image which has the power to evoke scenes and emotions in their reader. I am a fan of Barthes and of haikus, so it was not at all extraordinary that I more or less sailed through the Preparations. I think I wrote on my facebook profile in those days that reading Barthes is like meditation: It purges the mind of extraneous matter. I don’t have much to add to that. Against common prejudice, reading Barthes is indeed easy, relaxing even, because his argumentative technique is so very clear in structure and purpose. The Preparations are also not polemic in the way “Death of the Author” is. The volume I still haven’t finished reading contains a second part of Preparations of the Novel, which I haven’t yet looked at and in between a section on labyrinthine metaphors, which I still have to read, too. But as the topic for today proper is the book I’m currently reading, I will not say more about Barthes.

Which brings me to Dickens and here is a book which might well make it into day 4 of this list. As a scholar of English literature, I know that the serial publication of nineteenth-century novels greatly influenced their form and style. But is that an excuse to literally stuff the pages with stupid puns and other extraneous matter, just because you needed the money? Virginia Woolf is right when she says in A Room of One’s Own that an independent income of 500 pounds a year is the prerequisite for literary creativity. If necessity is the mother of invention, Dickens must have been an orphan while writing Bleak House. My impression, one third into the novel, is that you could take two highlighter pens and mark the passages which continue what Dickens wanted to write in one colour and those he wrote in order to fill the pages for the next bit of publication in another.

There simply cannot be any other explanation (or excuse) for paragraph-long exploitations of a pun which has not been funny to begin with like the one on the names of Coodle, Doodle et al? I mean, alright, I seem to notice that men tend to repeat jokes which have not been funny in the hope that if they repeat them often enough, they will become funny sooner or later. What they neglect here is that getting a laugh out of your audience is not the same thing as what you have said is funny. What they neglect, furthermore, is that laughter has got several social functions and that most of them are not connected with the fact that what was said was in itself funny. Anyway, readers, I can already hear you ask, why I would do that to myself: Reading something which I do not really appreciate and which is also exeptionally long. This question leads me back to the social contexts of laughter: I do so out of a sense of obligation.

Until recently, I worked for a professor who is some kind of a Dickens expert. He is also very fond of D. H. Lawrence and Gustave Flaubert. I really do not share that interest and I always wondered why he hired me, who is interested really only in contemporary literature, anyway. He also gave me the copy of Bleak House which I am currently reading. He had found it in his office when he was clearing out stuff so that he might make room for the cohabitation which is the consequence of his new emeritus status at our department. So, I started to read it to honour the occasion and to see whether I had missed something crucial about ninteenth-century narrative literature as a student. I also accepted it in the first place, because the professor dangled it in front of my nose, asking whether I knew it and I was too honest (once again) to declare that I did.

As soon as I have finished this particualar Dickens, however, I will return to Roland Barthes. I am quite sure that there will be extraneous matter in my mind to deal with.

Of Bookshelves and Me

I love lists. I love them despite the fact that I have no idea why they should be interesting in the first place. For instance, I never read opinion polls before elections. Why, I’ve been asking myself when I once briefly started to do that, should I base the decision for which party I vote on what other people think about politics? I think it is way more important to keep track of the political issues themselves. The same goes for listings in general: Why should I decide whether I would like to read a book or not according to some bestseller list or other? Why should I read what some semi-celeb says they like best? Nevertheless, listings have a lasting fascination for me and just now I came across a particularly interesting one. Now, here are 31 fabulous entries which give me a reason to reconsider the contents of my bookshelves. As this is something which I rarely do – so many books out there, so little time – I seize the opportunity and join the listings club. The list translates as follows:
day 1 – the book you are currently reading
day 2 – the book you are going to read next
day 3 – your favourite book
day 4 – the book you hate
day 5 – a book which you could read again and again
day 6 – a book which you can read only once (nevermind whether you love it or hate it)
day 7 – a book which reminds you of someone
day 8 – a book which reminds you of a place
day 9 – the first book you ever read
day 10 – a book by your favourite author
day 11 – a book you used to love, but hate now
day 12 – a book someone recommended to you
day 13 – a book which makes you laugh
day 14 – a book from your childhood
day 15 – the fourth book on your shelf (left to right)
day 16 – the ninth book on your shelf (right to left)
day 17 – close your eyes and take a book from your shelf
day 18 – the book on your shelf with the most beautiful cover
day 19 – a book you always wanted to read
day 20 – the best book you had to read in school
day 21 – the most stupid book you had to read in school
day 22 – the book on your shelf which has the most pages
day 23 – the book on your shelf which has the fewest pages
day 24 – a book nobody thought you had read
day 25 – a book the protagonist of which is a quite accurate description of yourself
day 26 – a book you would read to your children
day 27 – a book the protagonist of which is a model for you
day 28 – fortunately, this book was adapted for the cinema
day 29 – why on earth was this book adapted for the cinema?
day 30 – why on earth has this book not yet been adapted for the cinema?
day 31 – the book you made a present of most often.

coming within the next days.

updates

I never wanted to blog in English, because I feel dyslexic every time I try to write something in my second language online. Basically, I feel dyslexic full stop. However, as very few people out there speak German at all, as I feel that my main topics, i.e. gender, popular culture, feminism, the punk movement, are mainly discussed in English, as I’m sure that most native speakers of English are very tolerant as far as linguistic errors are concerned, as I could use the exercise, as I have many more equally valid reasons most of which I’m not even aware of, I’m going to change the language of this blog. To mark the change, I have also updated the layout and theme, I hope you’ll like it. I have not, however, changed that screen name of mine and I won’t.

German Debate. Again!

Herrschaften,

es bloggt und forumisiert sich ja wieder was zurecht hierzulande, es ist verblüffend. Ich seh da ja überhaupt nicht mehr klar, zumal ich den eigentlichen Stein des Anstoßes, das tatsächliche Interview, das unsere Familienministerin dem Spiegel gegeben hat, noch gar nicht zu sehen bekommen habe. Ich kenne nur die Auszüge, die das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie online zur Verfügung gestellt hat. Daselbst wird die Ministerin wie folgt zitiert:

“Zum Beispiel, dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.” Sie fügte hinzu: “Es ist absurd, wenn etwas, das für die Menschheit und deren Fortbestand grundlegend ist, per se als Unterwerfung definiert wird. Das würde bedeuten, dass die Gesellschaft ohne die Unterwerfung der Frau nicht fortbestehen könnte.“

Zunächst ist es ja durchaus eine nicht unerhebliche Verkürzung der theoretischen Positionen des Feminismus’ der 70er Jahre, zu behaupten, dieser hätte gesagt, die Unterwerfung der Frau sei die Voraussetzung für Sex. Es wurde natürlich darüber nachgedacht, warum in den unterschiedlichsten Diskursen das eine mit dem anderen so häufig verbunden ist.

Diese Frage halte ich übrigens überhaupt nicht für erledigt. Warum denn eigentlich – ich kam letztens spät nach Hause und musste noch den Fernseh einschalten, ehe ich schlafen konnte – werden in der Fickelwerbung auf den Sport- und sonstigen Special Interest-Kanälen denn eigentlich sämtliche Frauen in Positionen abgebildet, bei denen sich die meisten Männer nicht einmal vorstellen könnten, sie überhaupt einzunehmen, ohne, dass ihnen vorher sämtliche Knochen gebrochen worden wären? Weil es da in der Imagination um das beiderseitige körperliche Vergnügen geht? Klar doch. Aber das ist Sexarbeit, Pornographie, Dienstleistung und die Arbeit auf der Baustelle ist auch körperlich anstrengend.

Anderes Thema also: Hat die Ministerin ihre Aussage vielleicht ganz anders gemeint? Hat sie vielleicht gemeint, es sei falsch, dass die zweite Frauenbewegung behauptet habe, „dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei“ etc.? Das würde erklären, warum sie einer komplexen politischen Bewegung mit „Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.“ begegnet. Das wäre ja als würde ich heute sagen: „Die Gewerkschaftsbewegung hat gesagt, dass gerechte ökonomische Verhältnisse nicht möglich sind ohne Mitbestimmung der Arbeiter in ihren Betrieben. Sorry, das ist falsch!“ Okay, das wird gerade gesagt, schlechtes Beispiel.

Weiter sagt die Ministerin, dass es nicht möglich sei, etwas als Unterwerfung zu definieren, das für den Fortbestand der Menschheit notwendig sei und dass das bedeuten würde, die Gesellschaft könne ohne Unterwerfung nicht fortbestehen. Das ist in der Tat falsch. Gesellschaften bestehen schon seit vielen tausend Jahren mit Unterwerfung sehr gut fort. Diese Unterwerfung nicht als Unterwerfung zu definieren begründet dann allerdings Machtverhältnisse, die je nach Unterworfenem zum Beispiel als kapitalistisch, sexistisch, rassistisch etc. bezeichnet werden. Diese Machtverhältnisse so zu verändern, dass der Unterworfene weniger unterworfen ist…. ich denke, auch die Frau Ministerin müsste hier sehen, wo das drauf hinausläuft.

Nun geht’s allerdings erst los, denn jetzt kommen unsere fleißigen Essentialisten und Renaturalisierer aus ihren Löchern und meinen, es sei doch sehr schön, dass „diese Debatte“ endlich einmal angestoßen würde. Welche genau sie damit eigentlich meinen, wird nicht so ganz klar, aber es geht irgendwie darum, dass es doch total unfair ist, wenn Mädchen viel besser in der Schule sind als Jungs und dass das dadurch behoben werden könne, dass man die Prügelstrafe wieder einführt. Mein Hauptpunkt ist hier aber ein wesentlich generellerer, denn das gleiche ist neulich gerade passiert, als der Thilo Sarrazin sich geweigert hat, mit dem Basken sein Gen zu teilen.

Da hieß es auch, so wie der Thilo das macht, so ginge das aber nicht, aber es sei doch gut, dass die Debatte einmal geführt werde. Nun reibe ich mir erstaunt die Augen und frage mich: Wo ist sie denn jetzt, die Debatte? Es krakeelen ein paar Hanseln rum und meinen „Gut, dass es endlich mal einer sagt.“ aber debattiert einer? Spricht jemand mit denen, von denen man findet, dass sie zu wenig integrieren können? Reden wir gerade über die Machtstrukturen hierzulande?

Im Gegenteil: Es scheint mir, als stünden die Zeichen wieder einmal auf German debate. Jemand sagt was provokatives, ein anderer sagt, das geht nicht, ein dritter meint dazu, dass es doch ganz gut ist, wenn über das Thema mal gesprochen wird, auch wenn es natürlich als Äußerung an sich nicht geht, dann kommt der vierte, der sagt, dass alle darüber sprechen sollen und der fünfte meint dann, es wäre doch nicht schön, wenn man so ein wichtiges Thema in einem so aufgeheizten Klima bespräche und man möge doch die Debatte versachlichen. Das ist dann der Auftakt dazu, dass das Schlagwort aus der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder verschwindet, so lange, bis wieder irgendjemand etwas zu einem anderen provokativen Thema sagt und der Zyklus von vorne beginnt. Nur eins haben alle Beteiligten dabei vergessen: Das Reden darüber, dass, wo, wie und mit wem man eine Debatte führen müsste, ist noch keine Debatte. Außerdem frage ich mich: Wo denn bitte, wenn nicht in einem aufgeheizten Klima, sollen denn eigentlich heikle Themen besprochen werden? Bei Cocktails an der Hotelbar im All-inclusive-Ghetto, wenn alle angesoffen sind und man zur Abkühlung jederzeit die Arschbombe in den Pool machen kann?

Und jetzt wird es für mich arg kompliziert: Wenn wir keine Diskussionen führen über Themen, die die Machtverhältnisse in unserem sozialen System betreffen, wie können wir dann politische Entscheidungen treffen? Wenn wir immer nur darüber sprechen, wie man über politische Fragen theoretisch sprechen könnte, aber nie über die Fragen an sich, kann man es für mein Dafürhalten eigentlich auch lassen. Dann können wir alle es uns heimelig einrichten in einer großen IKEA-Plastikballbox mit Mario Barth und den Wenauchimmer einen guten Mann sein lassen.

Aus dieser Plastikballbox kommt dann aber doch auch noch eine Stimme, die findet, dass Alice Schwarzer, die sich gegen die Verzerrung der eigenen Thesen aus den 70ern mit einem offenen Brief an die Ministerin gewandt hatte, sei eine „alt gewordene[n] Emanze, die es sich nicht nehmen lässt, ausgerechnet in BILD ihre Vorverurteilung von Kachelmann zu versilbern!“ Die Stimme gehört zu „Rolf Schmid“, der das zitierte Interview kommentiert. Sicher, dass Alice Schwarzer in irgendeiner Weise mit Kai Diekmanns zum Fische einwickeln ungeeigneten Papier zusammenarbeitet, stößt auch mir extrem sauer auf. Um Onkel Max sinngemäß zu zitieren: Menschen, die für die Bildzeitung arbeiten sind schlechte Menschen, die das Falsche tun.

Dennoch ist das erstens eine Frage, die nichts mit den kruden Thesen der Frau Ministerin zu tun hat und die zweitens jede Form von öffentlicher Meinungsäußerung grundsätzlich suspekt findet. Die Medienkritik hat ja in den allgemeinen öffentlichen Diskurs vor allem in der Form Eingang gefunden, dass jede Äußerung erst einmal als billige Verkaufsshow abgetan wird. Damit liegt „Rolf Schmid“ vielleicht gar nicht einmal so falsch, aber ist das ein Grund, dass wir das Theater einfach weiter ansehen und so tun als wüssten wir Bescheid? Es geht ja noch eine Drehung absurder: „Frau Schwarzer hat ja nicht einmal das Vermögen eine Meinung einfach stehenzulassen, nein, sie muß gleich wieder Laut geben und “richtigstellen”. Die Dame ist einfach nur peinlich.“ Sagt jetzt „rabenkrähe“ auf der selben Kommentarseite. Nö, ist klar, eine öffentliche Diskussion ist vor allem dazu gut, dass alle schweigen, wenn sie finden, dass wer anderes einen Sachverhalt fehlerhaft darstellt oder interpretiert.

Wie lange sage ich jetzt schon, die Postmoderne ist seit Dienstag vorbei? Ich weiß es selbst nicht mehr, wenn es nach mir ginge, wäre das aber jetzt wirklich der allerletzte Dienstag dieser speziellen Form von Postmoderne gewesen und es könnten mal alle wieder zur Besinnung kommen. Allen voran die, die da auf diesen Journalistenschulen doch eigentlich was gelernt haben und die doch eigentlich wissen, wo ihre Funktion als vierte Gewalt angeht. Sonst fällt mir dazu nur ein Wort von einem Herrn aus Mühlheim ein: „Ein Rabe geht im Feld spazieren. Da fällt der Weizen um.“

Unter der Sonne nichts Neues

Herrschaften,

soeben bin ich aus dem Urlaub zurück. Richtiger, echter Urlaub, es ist verrückt, ich weiß, wenn ich das den Kollegen erzähle, dann sagen sie gewöhnlich so etwas wie “I’ve heard of the concept.” Ehe sich jetzt wer große Hoffnungen macht: Es war sehr unspektakulär: Zwei Tage in Weinheim an der Bergstraße und eine Woche mit und bei meiner gesammelten Mischpoke in Oberotterbach an der Südlichen Weinstraße.

Ich hatte den Computer mit, habe aber nur einen Tag ein paar Stunden am Text geschnitzt, den Rest der Zeit habe ich mit Wandern, Weinprobe und Burgruinen verbracht. Wer sich jetzt denkt, Wandern im Pfälzer Wald sei also sehr langweilig, den muss ich leider eines besseren belehren: Dadurch, dass die Pfalz im Mittelalter noch nicht ausschließlich als Volskbelustigung diente, sondern politisch eine brisante Angelegenheit war (das genau herauszufinden und zu erklären überlasse ich den Historikerinnen unter euch), stehen gefühlt alle 50 Meter Burgruinen auf den Sandstein gestapelt und auf den meisten davon kann man als unbescholtene Touristin heute herumtrampeln.

Eine davon, die Burg Berwartstein, ist so weit erhalten und von ihren privaten Besitzern gepflegt, dass man sie geführt besichtigen und sich sogar ein mittelalterliches Penthouse mitten im Pfälzer Wald mieten oder kaufen kann, wenn man das denn unbedingt möchte. Doch dazu später mehr. Neben der Kinderbelustigung durch mittelgruselige Geistergeschichten hatte die Burg ein paar echte Sensationen zu bieten: So ist zum Beispiel der Brunnen, über einhundert Meter tief, erhalten, ebenso der alte Zugang zur Burg, ein beinahe senkrechter, in den Sandstein gehauener Tunnel, durch den der Ritter wohl per Strickleiter Zutritt suchen musste. Sofern er nicht ohnehin durch das Loch im Boden in die unterirdischen Gewölbe geworfen wurde. So eine richtig flauschige Angelegenheit ist ein Ritterleben jenseits der Heldengeschichte wohl eher nicht.

Die anderen Burgen, über die wir absichtlich gestolpert sind, hatten vor allem den Vorteil, dass sie eine Abwechslung auf der Wanderung durch ansonsten anspruchsvolles, aber unaufregendes Wanderterrain waren. Das soll heißen, die Wege sind gut ausgebaut, führen aber schon die ganze Zeit auf und ab und über Stöcke und Steine, man geht die ganze Zeit im Wald, so dass es anstrengend, aber wenig abwechslungsreich ist, im Pfälzer Wald zu wandern. Wenn man da ein paarmal auf den alten Steinen einer Felsenburg herumklettern kann, ist das gern genommen. So weit zum Thema Langeweile im Pfälzer Wald.

Auch sonst spinnen sie alle dort unten: Es wird Wein gemacht und getrunken und der Chef behauptet ja, dass die pfälzische Küche von der französischen beeinflusst und so besser bekömmlich wäre. Davon allerdings habe ich nichts bemerkt. Die Speckvergiftung klingt langsam wieder ab, aber ich bin an die Grenzen meiner “When in Rome do as the Romans do”-Politik gestoßen. Zum ersten Mal.

Zum Glück war es ins richtige Frankreich auch nicht weit und so wurde ich bei jeder Grenzüberschreitung sehr nostalgisch und habe bereits beantragt, dass im nächsten Jahr in Frankreich geurlaubt wird, mit Zelt und Kleinwagen und Baguette unterm Arm, so wie es sich gehört. So habe ich zumindest Wissembourg und Strasbourg kennen gelernt, beides schöne Städte. Strasbourg natürlich auch interessant wegen EU-Architektur, klärte den Mann auf, dass die Tramstation “Droit de L’Hommes” nichts mit konservativer Politik zu tun hat. Frankreich war auch deswegen schön, weil man sich dort, im Gegensatz zur Pfalz, mit den Einheimischen verständigen konnte, auf Französisch statt Pfälzisch, was eine Mundart ist, die ich definitiv noch weniger lernen werde als das Bayrische.

Wo war ich? Ach ja, beim Wein. Diesen zu probieren und in rauhen Mengen direkt vom Winzer zu beziehen, der der Nachbar von meinem Familienteil ist, welchen es in die Pfalz verschlagen hat, war natürlich Hauptzweck der Reise. Daselbst war auch die Weinprobe sehr schön: Als ich meine Bestellung dann wie alle in der Runde auf unser aller gemeinsamen Nachnamen aufgab, das hatte beinahe was von Großfamilienidyll.

Der letzte Wahnsinn war dann jene Wanderung, auf der wir mehr durch Zufall auf etwas stießen, das sich “Westwallweg” schimpft. Nun weiß man ja, dass Krieg im allerbesten Fall gefährlicher Unsinn ist. Wenn man sich allerdings ansieht, dass durch den gesamten Pfälzer Wald in Handarbeit über Jahrende hinweg eine mittelgroße Regenrinne als Panzerabwehrgraben gegraben wurde, während in regelmäßigen Abständen andere Menschen in so genannten “Ein Mann Bunkern” gesessen haben, um mit dem MG auf Panzer zu schießen, was diese ganz bestimmt vom Grenzübertritt nicht abgehalten hat, außer vielleicht durch Osmose, dann ist die Absurdität der ganzen Unternehmung bestes Beispiel dafür, dass die Nazis keine gefährliche Intelligenz besessen haben können, sondern bestenfalls die fatale Sorte von Verblendung, die den Dummen zum Festhalten am einmal gefassten Plan verleitet, weil ihm aufgrund seiner begrenzten geistigen Ressourcen kein anderer, geschweige denn ein besserer einfällt.

Was einen dann wiederum zu der Frage führt, warum denn eigentlich alle brav mitgemacht haben und dazu, dass immer alle ganz große Strategen sind, wenn es darum geht, jemandem, der gegen was ist, Recht zu geben, aber ganz prima den Schwanz einkneifen, wenn es dann darum geht, in größeren Mengen diesen Prinzipien gemäß zu handeln. In der Folge ist dann natürlich der, der eigentlich Recht hat, dem allgemeinen Bekunden nach, der Abweichler und bestenfalls der Spinner, wie sich die angeblich erdrückenden Zustände dann wieder selbst bestätigen. Da vomitiert man schon mal gedanklich am Wegesrand.

Und dann war da noch das “Deutsche Weintor”, welches mit seinem ausgesprochen nachlässig weggemeißelten Hakenkreuz Anlass zu mancher Chaplinschen Einlage im Rahmen der Wanderrhetorik gab. Sehr fremde Welten, dort unten im Pfälzer Wald, sehr fremde Welten, passt irgendwie, dass die eine ganz andere Sprache sprechen als unsereiner. In diesem Sinne: Shtonk und Bratwurst und Sauerkraut.