Herrschaften,
habe ich neulich gesagt, die Entscheidung, welches mein Lieblingsbuch sei, sei die schwerste, die ich hier zu treffen hätte? Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Für die Rubrik, die hier in Frage steht, gibt es natürlich jede Menge offensichtlicher Kandidaten. Da wäre zunächst einmal alles, was dem Aquarellisten aus Braunau am Inn bei der Befestigung seiner Macht geholfen hat. Dann natürlich das “meistverkaufte Buch aller Zeiten” und andere religiöse Schriften, mit deren Hilfe die Menschen dazu bewegt werden, ihr blödes, kleines Erdenleben als blöd und klein zu akzeptieren. In die gleiche Kategorie fallen sämtliche esoterischen Versuche, die Menschen mit pseudowissenschaftlichen Abhandlungen wieder hinter die Aufklärung hin zurückzuverdummen. Was alle diese offensichtlichen Kandidaten gemeinsam haben ist jedoch, dass sie erstens nicht in meinem Bücherregal vorkommen und dass zweitens jede Auswahl eines einzelnen den Ausschluss vieler bedeuten würde, die ebenso hassenswert wären.
Dazu kommt noch folgendes: Ist nicht Hass, wenn man ihn ernst nimmt, eine Emotion nahe an Zuneigung, die Kehrseite der Liebe sogar? Zu dieser Art von emotionaler Intensität werde ich von keinem dieser weltanschaulich verabscheuungswürdigen Texte bewegt. Welche Texte also mag ich wider Willen oder welche Texte halte ich für wichtig, obwohl ihre Lektüre mich mit Abscheu erfüllt? In dieser Kategorie gibt es eigentlich nur einen einzigen Roman, nämlich American Psycho von Bret Easton Ellis.
Warum ich ihn hassenswert finde, brauche ich wohl kaum zu erklären. Seine minutiös-voyeuristischen Schilderungen von sexuell-sadistisch motivierten Morden erklären das eigentlich von selbst. Nun ist es aber überraschender Weise so, dass diese Schilderungen nur den kleinsten Teil des Texts ausmachen. Zudem hat Bret Easton Ellis diese Schilderungen – wenn man denn seinen Interviewaussagen glauben darf – nicht einmal selbst erfunden. Sie sollen alle aus FBI-Akten über reale Frauenmörder stammen, während des Schreibens soll Ellis die entsprechenden Manuskriptstellen zunächst leer gelassen haben, um sie später mit diesem Material zu füllen. Das macht es natürlich nicht besser, ob es wahr ist oder nicht. Der Roman spielt mit dem Ekel und der Faszination, die diese extreme Gewalt ausübt. Die Tendenz ist nur allzu menschlich: Egal wie abstoßend wir es finden, wir sehen hin. Wir mögen natürlich nicht, dass wir in dieser Art und Weise manipuliert werden, da bin ich ganz bestimmt keine Ausnahme. Wenn man sich zudem noch die perfide Art und Weise ansieht, mit der die Szenen in den Text eingebettet sind, bin zumindest ich sprachlos vor soviel kompositorischer Unverfrorenheit: Hier wechseln sich Pornographisches und Gewalttätiges so schnell ab, dass der Leser quasi mit Hose runter kalt erwischt wird. Ich weiß nicht, wie diese Lektüre auf Männer wirkt, mich hat sie verstört. Ich war ganz konkret physiologisch verunsichert nach dem Lesen von American Psycho.
Damit aber hört es ja lange noch nicht auf. Der weitaus größere Teil des Romans besteht aus unglaublich langweiligen Aufzählungen von Markenprodukten, in Restaurants bestellten Gerichten und Drinks. In der Rückschau ist es beinahe schwer entscheidbar, was von beidem schwerer auszuhalten ist: Die nervtötende Langeweile bei der Aufzählung dessen, was alle anhaben oder der Schrecken bei der Beschreibung von Mord und Folter. Und genau da hat einen der Roman an einer Stelle, an der man nicht gehabt werden möchte.
Wenn man American Psycho ganz und einigermaßen reflektiert liest, wird man in eine Haltung hineingezwungen, in der man froh ist, dass die langweilige Eintönigkeit unserer Konsumkultur durch etwas Sensationelles unterbrochen wird. Diese Haltung ist aber dem normalen Konsum von Serienmördergeschichten und anderen medial ausgeschlachteten Grausamkeiten so ähnlich, dass man Ellis’ Text ganz genau wie jeden anderen Thriller lesen kann.
Indem außerdem die Hauptfigur Patrick Bateman die einzige Perspektive auf das Geschehen ist, die wir als Leserinnen bekommen, wird unsere Sympathie zudem in seine Richtung gelenkt. Einer meiner Studenten meinte sogar einmal, man identifiziere sich mit Bateman. Das kann ich nun aus meiner Lektüre nicht bestätigen, aber ich glaube, dass das möglich ist. Das glaube ich schon deshalb, weil Christian Bale, als er für seine Rolle in Mary Harrons Filmadaption recherchiert hat, mit Wall Street-Typen gesprochen hat, die den Roman als Stilhandbuch nehmen und nicht merken, dass der Roman genau den Lebensstil verspottet, den er beschreibt.
Das ist nun aber gerade kein Grund, ihn für misslungen zu halten. Gerade die prekäre Nähe demonstriert besser als jeder andere Text zum Thema, den ich kenne, wie die medialisierte Gewalt in unseren Konsumgesellschaften funktioniert und gegen wen sie sich richtet: Frauen, Homosexuelle oder sozial Schwache, sogar Kinder: eines von Batemans letzten Opfern ist ein kleiner Junge im Zoo. So ist der Roman, das ist nicht zu leugnen, misogyn, homophob, rassistisch und alles andere, was ihm vorgeworfen wird. Er demonstriert aber auch, dass diese Haltungen der Logik unserer auf möglichst rücksichtslose Selbstverwirklichung ausgerichteten konsumkapitalistischen Gesellschaften vielleicht nicht notwendigerweise entspringen, aber doch von ihnen befördert werden und in ihnen sogar erwünscht sind. Damit gibt der Text ein zwar vielleicht krude zu nennendes aber wichtiges und relevantes politisches Statement ab.
American Psycho ist deshalb für mich ein wichtiger Text, ich bin froh, dass er geschrieben worden ist. Ich würde dennoch niemals jemandem empfehlen ihn zu lesen, Fay Weldon hat das für uns alle getan und viele wahre Dinge über ihn gesagt. Wie viele ähnlich funktionierende Artefakte, Michael Verhoevens Starship Troopers-Adaption zum Beispiel, erreicht er vor allem diejenigen, die er nicht mehr überzeugen muss. Auch deshalb kann ich den Text nicht leiden: Er sagt denen, die ihn missverstehen nicht, dass das so ist, so hasse ich tatsächlich American Psycho, obwohl ich ihn gut, wichtig und richtig finde. Wie Verhoevens Film ist er ein Text, der über sein Publikum mehr enthüllt als über seinen direkten Gegenstand.
In diesem Sinne:
Ach so: Ja, ich habe mich entschieden, wieder auf Deutsch zu schreiben, es wird mir sonst alles zu unlustig.
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In Englisch kann ich dir auch endlich nicht mehr folgen…
Schöner Text (ohne das Buch gelesen zu haben)
Grüße