Warum ich laufe

Herrschaften,

letztens las ich mal was über die Motive von Frauen, die Sport treiben. Vieles scheint hier getan zu werden, um den eigenen Körper ästhetisch zu optimieren. Eine befreundete Läuferin hingegen behauptet neulich, sie laufe um Spaß zu haben. Das finde ich sehr lobenswert, scheint mir aber doch präzisierungsbedürftig. Immerhin: Spaß im engeren Sinne macht das Laufen mir nicht so häufig. Das kann man schon daran sehen, dass ich dabei meistens irgendetwas brauche, das mich unterhält, also eine neue Strecke, einen netten Mitläufer oder ein mp3-Unterhaltungsprogramm.

Seien wir ehrlich: Laufen ist mühsam, tut manchmal weh und bringt einen in unangenehme Nähe von Menschen, die ihre Hunde nicht erzogen habe. Warum also tue ich es dennoch?

Vielleicht hilft ein Blick auf meine Anfänge. Vor so etwa sechs Jahren hatte ich mit einem Mal keinen Spaß an Zigaretten mehr. Zur gleichen Zeit habe ich angefangen zu laufen, immer brav um den See im Park herum und mit fast implodierter Lunge, so am Anfang jedenfalls. Und das aus den gleichen wie ich meine falschen Gründen, die der Guardian beschreibt: Ich hatte Angst zuzunehmen. Aus Angst macht man aber eigentlich gar nichts und ich bin dennoch dabei geblieben. Es muss also andere Gründe geben und ich muss, denke ich, weiter zurückgehen, um es zu erklären. Als ich in die Schule ging, war ich nicht gerade eine Nulpe im Sport, aber ich war andererseits auch groß, ein bisschen ungelenk und hatte keine sportlich ehrgeizigen Eltern. Bei den Disziplinen, in denen ich meine langen Gräten kontrollieren musste oder in denen die Kleinen und Leichten die Nase vorn hatten wie Geräteturnen, Sprint und Weitsprung, habe ich also keinen Stich gesehen. Auszuweichen auf die mehr technischen Disziplinen wie Hochsprung, Kugelstoßen und eben die Mittel- oder Langstrecke, war damals deshalb schon der Weg zum wenigstens einigermaßen respektablen sportlichen Dasein. So gesehen war es logisch, dass ich, als ich wieder anfing, sportlich aktiv zu sein, da wieder angefangen habe, wo ich aufgehört hatte. Das konnte ich schon, da kannte ich mich einigermaßen aus.

Mittlerweile haben sich jedoch auch ganz konkrete Vorteile herauskristallisiert. Zum ersten ist es mir unmöglich, irgendeine Sportart zu betreiben, die von mir verlangt, dass ich regelmäßig an ein- und demselben Ort erscheine. Ich habe nichts gegen Disziplin und gegen regelmäßiges Training erst recht nicht. Im Gegenteil. Ich bin Geisteswissenschaftlerin, ich weiß, wie wichtig die konsequente Beschäftigung mit einer Sache ist, wenn man was einigermaßen sinnvolles mit ihr machen will. Ich kann nur schlicht nicht damit umgehen, dass jemand anderes mir sagt, wann diese Zeit und dieser Ort ist. Wenn ich dann das Training in der Gruppe einmal versäumt habe, kommt bei mir extrem schnell der Punkt, ab dem die Sache im Sande verläuft. Ich bin disziplinierter, wenn ich die einzige bin, die mich kontrolliert. Versucht das jemand anderes, ist es vollkommen egal, wie viel Lust ich auf die Sache an sich habe, allein die Fremdkontrolle lässt mich faul und unzuverlässig werden. Laufen ist in diesem Sinne ideal. Ich laufe viermal in der Woche, ich kann also das Training hin- und herschieben wie ich will. Wenn ich morgens keine Lust zum Laufen hatte, mache ich es eben am Nachmittag und das mache ich garantiert, wenn ich nur mir selbst Rechenschaft schulde, siehe oben.

Sehr fremdbestimmt bin ich hingegen, wenn es um Konkurrenz geht. Ich kann nicht einmal beim Training im Park vollkommen locker einen schnelleren Läufer an mir vorbeilaufen lassen. Okay, das stimmt nicht mehr. Ich bin gelassener geworden, aber leicht fällt es mir nicht immer. Wir leben in konkurrenzintensiven Zeiten. Leider konkurrieren Frauen häufig auf Feldern, die ihre Weiblichkeit zum zentralen Punkt ihrer Identität machen und ihre Menschlichkeit zurücktreten lassen. Sie wollen den gängigen Schönheitsidealen besser entsprechen, die sauberere Wohnung haben und den charmanteren Mann an ihrer Seite. Ich würde ja dafür plädieren, dass wir um Leistungen in allen Bereichen konkurrieren, in denen Männer auch konkurrieren, und es ansonsten lassen. Sport gehört für mich ganz eindeutig dazu. Jetzt kann ich nicht wirklich mithalten, aber dennoch: Bei Jedermannwettkämpfen, die, die schon einmal dabei waren, werden das kennen, gibt es in jeder Altersklasse eine Spitzengruppe, also die, die auf zehn Kilometer unter 45 Minuten laufen, bei denen laufe ich nicht mit. Das wird wohl auch in diesem Leben nichts mehr werden. Aber immerhin kann ich, obwohl ich erst seit kurzer Zeit überhaupt Wettkämpfe laufe, vorn im Schneckenfeld mitlaufen und auf diese Weise zumindest meine persönlichen Leistungen verbessern. Ich hab also durchaus was für Konkurrenz übrig, auch wenn gerade festgestellt worden ist, dass wir mit Schimpansen gemeinsam haben, dass wir kooperative Tiere sind.

An meine primitiven Wurzeln geht noch ein ganz anderer Aspekt des Laufens: Ich laufe einfach. Dabei denke ich in der Regel nicht. Okay, manchmal beschäftigen mich konkrete Probleme, die ich beim Laufen mit mir ausdiskutiere, aber normalerweise laufe ich und schaue dabei. Bäume an und Vögel, andere Läufer und vor mir auf den Boden. Dabei die selbsterzeugte Geschwindigkeit zu spüren ist wesentlich besser als jeder Geschwindigkeitsrausch mit automobilen oder anderen mechanischen Hilfsmitteln, obwohl die auch nicht schlecht sind. Beim Laufen fühle ich mich fähig. Fähig zumindest eine längere Zeit so zu laufen wie es in meinem Körper vorgesehen ist, eine Strecke zurückzulegen. Und es macht mich stolz. Stolz auf mein System, das mich das machen lässt. Das ist vielleicht eine billige Befriedigung, aber sie ist es, die mich weitermachen lässt, Angst um Gesundheit, Schönheit oder sonstwas gehört nicht zu den guten Motivatoren.

In diesem Sinne: Rennen, nicht laufen!

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