Wie war das noch mit der Politik

Herrschaften,

in Blogs, die meinem Herzen nahe stehen, ist in letzter Zeit die Rede gewesen vom System. Das Lichterkarussell stellt fest, dass wir alle Kapitalismus sind und dass mehr Veganer wahrscheinlich besser für die Welt sind als weniger, aber am Ende unsere Probleme auch nicht lösen. Der magische Blogger meint, dass es einiges für sich hätte, global zu denken und lokal zu handeln. Ich stimme allen beiden zu in fast allem was sie so schreiben. Nur stellt sich doch die Frage, warum die Verhältnisse eigentlich so sind wie sie sind.

Ich denke, es hat etwas mit der Einkaufsbeobachtung zu tun, die ich neulich gemacht habe. Im Supermarkt, also im eher hochpreisigen, nicht beim Discounter, stand vor mir eine Person in der Kassenschlange und kaufte etwas ein, das ich wohl getrost als Wocheneinkauf bezeichnen kann. Darunter viele Produkte der Hausmarke mit dem lebensfrohen Grundton. Dabei war vieles, was wohl als Grundnahrungsmittel gelten kann: Plastikcontainer mit Krautsalat, Milch, Eier, Brot, sowas halt. Dazu aber Markenprodukte aus dem Conveniencebereich: TK-Pizza, Fruchtgummi von dem Horst aus Bonn und Chips, die früher Bahlsen hießen. Das war jetzt ganz bestimmt kein schlimm unvernünftiger Einkauf zu einer ganz schlechten Ernährung und von Fettleibigkeit konnte auch keine Rede sein. Mir fiel jedoch ein anderes Missverhältnis auf: Es wurde verhältnismäßig viel Geld ausgegeben für komplett verzichtbare Produkte. Ich meine, kein Mensch braucht tatsächlich eine Kioskpackung Fruchtgummischnuller. Kombiniert wurde dies mit den billigsten Bratwürstchen vom ärmsten Mastschwein und ebensolchen Eiern. Also nicht die Eier vom Mastschwein, sondern vom ärmsten Huhn. Klar.

Das ganze Gerede von wir würden unsere Lebensmittel nicht wertschätzen und wir würden zu wenig Geld für unser Essen ausgeben wollen, das Fernsehköche und Foodwatch so von sich geben, erschien mir in dem Moment komplett absurd. Es wird vielmehr eine Menge Geld für Essen ausgegeben, scheint mir, aber nur für das, was uns diese ganzen guten Gefühle machen soll, die wir offensichtlich so dringend brauchen.

Ein Ei jetzt, das hat und macht einfach nicht genügend eigene Identität. Ein Ei ist ein Ei und es ist ein echtes Lebensmittel. Eine Tüte Chips ist eine Wärmepackung für die Psyche, kein Mensch braucht physiologisch gesehen eine Tüte Chips. Das heißt nicht, dass niemand nie nicht mehr Chips essen soll, aber es heißt, finde ich, schon, dass derjenige, der behauptet, er habe kein Geld für solche Lebensmittel, für die Tiere keine übermäßigen Qualen leiden mussten, mir bitte erstmal seinen Einkaufswagen vorzeigen soll. Ich möchte gerne wissen, wofür wir genau Geld ausgeben und wofür nicht.

Und es heißt auch, dass wir es wahrscheinlich nur schwer schaffen werden, größere Teile der hiesigen Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es grundsätzlich eine gute Idee wäre, auf Eier aus lokaler und kleinerer Produktion umzusteigen, weil nämlich das Ei dann genauso aussieht wie ein billiges und (machen wir uns nichts vor) für die meisten von uns auch noch extrem ähnlich schmeckt. Das Beispiel lässt sich beliebig übertragen: Ein Girokonto ist ein Girokonto, die meisten merken wenig davon, mit welchen Diktaturen ihre Bank sonst noch so Geschäfte macht. Schlimmer wird es bei den konkret sichtbaren Identitätsstiftern, den textilen etwa. Jede weiß, dass das T-Shirt vom schwedischen Großunternehmen aus Bangladesh kommt und falls sie es vergessen hat, steht es auch noch drin und dass die Näherin eines Sieben-Euro-Shirts keinen Mindestlohn bekommen hat, dürfte den meisten wohl klar sein. Der Euphemismus ist so krass, dass er absurd ist, ich weiß.

Ich habe also den unbestimmten Verdacht, dass wir für alles Geld auszugeben bereit sind, was uns einen positiven Effekt für unser Gefühl davon verspricht, wer wir sind. Der Loha hat’s halt gern, wenn auf seinen Linsen oder seiner Ingwer-Karottensuppe aus dem Becher ein Biosiegel drauf ist. Einem anderen wird warm ums Herz, wenn er sich die im Fernseh beworbene Pizza reinzieht. Wo ich dabei das Problem sehe? Dabei, dass wir, solange wir uns nicht bewusst darüber sind, dass wir mit jedem Konsumvorgang bestimmen, wer wir sind, nicht merken, wo das eigentliche Problem mit unseren Konsumentscheidungen liegt.

Und da widerspreche ich dem von mir ansonsten hochgeschätzten magischen Blogger: Der Mensch ist weder zu träge noch zu wenig willig, seinen Konsum nach der Vernunft oder gar seinem politischen Willen auszurichten. Er schafft es in den meisten Fällen einfach deshalb nicht, weil er nicht aufgeben will, und kann, was er ist.

Identität und das persönliche Leben als politische Praxis sind in der Marktökonomie aufgegangen. Die wiederum ist so umfassend, dass sie kaum mehr hinterfragt werden kann und damit zur gefährlichsten aller Ideologien geworden, zu einer, die den Blick darauf verschleiert, dass sie eine Ideologie ist. Und so gesehen ist alles Reden über die Selbstsüchtigkeit des Menschen eine astreine Fortschreibung eben dieser Ideologie. Im Grunde können wir nur hoffen, dass der Big Bang (peak oil jetzt und so) früher kommt und nicht später, damit wir uns bis dahin noch handlungsfähige politische Strukturen erhalten haben. Oder zumindest Reste von ihnen. Politik heißt schließlich immer nur Entscheidungen treffen.

Ich denke, dass es in diesen unseren Zeiten wohl darum geht, dass wir den Menschen und seine Identität wieder von seinem Konsum entkoppeln. Wir müssen aufhören, den ewigen Sermon vom Spaß durch Konsum nachzuplappern und dass es ja total “freudlos” ist und einer ein Eremit werden müsste, um tatsächlich nicht mehr Teil des Systems zu sein. Wir müssen endlich aufhören, Menschen nach ihrer Vermarktbarkeit oder auch nur nach der Vermarktbarkeit ihrer Fähigkeiten zu beurteilen. Ein Kulturschaffender, um es herunterzubrechen auf ein Thema, das mich am meisten interessiert, hat nicht nur dann eine Existenzberechtigung, wenn er sein Werk verkaufen kann und eine Philosophin muss nicht von jedem verstanden werden. Wir dürfen ihr trotzdem eine Stelle an einer Universität geben, denn wir wissen ja heute noch nicht, wozu es einmal gut sein wird. Denken auf jeden Fall kann dank Internetz ohne Schaden für das Weltklima um selbiges geflogen werden. Eine “Bio”-Mango kann das nicht.

In diesem Sinne und um es mit einer von mir geschätzten Autorin zu sagen: Vorwärts! Lasst uns Sachen so entscheiden, dass sie dem Markt widersprechen.

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